zwanziguhrachtunddreißig - eigentlich ohne worte
Tuesday, December 6, 2005 7:42:50 PM
Quelle: SPIEGEL ONLINEWeblogs haben nach einer Umfrage unter Internet-Nutzern in Deutschland zwar einen hohen Bekanntheitsgrad, werden aber nur von einer kleinen Minderheit regelmäßig aufgesucht. Es scheint sogar mehr Blogger als regelmäßige Blog-Leser zu geben.
Lediglich vier Prozent von mehr als 100.000 im Herbst befragten Personen gaben an, sich regelmäßig in einem Blog aufzuhalten. Selbst als Blogger aktiv sind dagegen zwölf Prozent der befragten Nutzer. Jedoch gaben nur 2,1 Prozent an, dass sie ihr Blog mindestens einmal in der Woche mit neuen Beiträgen versehen.
Weitere 16 Prozent bezeichneten sich als gelegentliche Weblog-Besucher. Hingegen werden Online-Tageszeitungen von 21 Prozent der Internet-Nutzer, Online-Zeitschriften von 23 Prozent regelmäßig aufgesucht. Die größte Reichweite haben Blogs zu den Themen Computer und Internet. Danach folgten Blogs mit Nachrichten und politischen Themen.
Der typische Blog-Besucher sei unter 30 und meist in der Ausbildung oder selbständig tätig, schreiben die Autoren der Web-Nutzer-Analyse W3B vom Marktforschungsinstitut Fittkau & Maaß. Immerhin 75 Prozent aller Befragten wussten, was ein Weblog eigentlich ist.
das lassen wir mal so stehen um zwanziguhreinundvierzig







sneiw # Saturday, December 10, 2005 3:40:40 AM
da wäre ich mir nicht so sicher, hallo Eiknubis
lese schon deine artikel , die so netter weise immer die geschriebene zeit in der headline
haben.
ich habe ein paar artikel über das bloggen in der "frankfurter rundschau "gefunden und wollte sie dir zukommen lassen.
viel spass beim lesen, auf baldiges bloggern deinerseits
lieben gruss sneiw
Ohne Filter
Weblogs entwickeln sich zu einem Massenphänomen, doch die neue Internet-Publizistik ruft auch Kritiker auf den Plan
VON MARIO SIXTUS
Was sind Weblogs?
Weblogs sind Online-Tagebücher, die regelmäßig von ihren Autoren aktualisiert werden und dem Leser die Möglichkeit geben, den Einträgen eigene Kommentare beizufügen. Alle Blogs verweisen auf andere Internetseiten oder Blogs. In Deutschland gibt es etwa 36.000 Weblogs, in den USA sind es bereits 7,8 Millionen. FR
"Was ist ein Blog", wollte Günther Jauch neulich in seinem TV-Quiz "Wer wird Millionär" wissen. Immerhin: 16 000 Euro hätte die Beantwortung eingebracht. Doch auch der 50:50-Joker, der die möglichen Antworten auf "Tagebuch im Internet" und "Feindliche Übernahme" reduzierte, half der jungen Kandidatin nicht weiter - sie musste passen. Schämen muss sie sich deswegen nicht: Nach einer Studie des Marktforschungsunternehmens Berlecon Research können 63 Prozent der deutschen Internet-Nutzer mit dem Begriff "Blog" nichts anfangen. Anders in den USA: Dort kürte der renommierte Wörterbuch-Verlag Merriam Webster diese Vokabel im vergangenen Dezember zum Wort des Jahres. 32 Millionen US-Amerikaner lesen regelmäßig Blogs, fand eine Studie des PEW Internet and American Life Project heraus.
Doch von einer einheitlichen Einschätzung dieses Massenphänomens ist man jenseits des Atlantiks noch weit entfernt. "Revolution" und "Demokratisierung der Medienwelt" jubeln die einen, "Gerüchteschleudern" und "Lauffeuerklatsch" zetern die anderen. Klar ist: Irgendetwas passiert gerade. Aber was?
Der Begriff Blog ist die Kurzform von Weblog, einem Kunstwort aus Web und Log(buch). Per Definition ist eine Weblog eine Internetseite, die regelmäßig aktualisiert wird und deren neuester Beitrag immer an erster Stelle steht. Revolutionär klingt das erst mal nicht. Schaut man sich ein paar typische Weblogs an, hat man selten das Gefühl, etwas Spektakuläres zu entdecken. Ein wenig Text, ein paar Bilder, eine Hand voll Links: Deshalb die ganze Aufregung?
Umwälzende Neuerungen kommen häufig ohne Trommelwirbel und Fanfaren auf die Welt. Ein Erfolgsgeheimnis des Blog-Booms findet sich unterhalb der schlichten Oberfläche. Kleine serverseitige Systeme sorgen dafür, dass es ungefähr so schwierig ist ein Weblog zu führen wie eine E-Mail zu verschicken. Diese Bonsai-Versionen der großen Content-Management-Systeme, welche im Hintergrund professioneller Online-Magazine werkeln, befreien die Blogger von den technischen Mühen, die das Publizieren im Web bislang mit sich brachte.
Für jedermann erschwinglich
Bei den meisten Weblog-Diensten dauert es nur wenige Minuten, ein neues Blog zu eröffnen. Je nach Ausstattung zahlt man dafür gar nichts oder eine geringe monatliche Gebühr. Wer es individueller mag, kann auf Dutzende unterschiedliche Blog-Software in allen Leistungs- und Preisklassen zugreifen. Eintrittskarten in den vormals exklusiven Club der Publizisten sind somit schlagartig für jedermann erschwinglich. Der Medienberater Terry Heaton sagt: "Weblog-Technik senkt die Einstiegshürde in die Medienwelt signifikant. Früher benötigte man enormes Kapital, um mitspielen zu dürfen, heute reicht ein billiger Computer."
Dieser Aspekt ist es nicht allein, der das wirklich Neue ausmacht an der Blogosphäre, wie man die Gesamtheit aller Weblogs nennt. Die Suchmaschine "Technorati" verzeichnet derzeit 7,8 Millionen Blogs - und zählt darin 937 Millionen Hyperlinks. Zum Vergleich: "Blogstats.de" zählte voriges Jahr 36 000 deutschsprachige Weblogs, die 1,2 Millionen Verweise enthalten.
Permanent "verlinken" Blogger amüsante Fundstücke und Artikel mit politischen Kommentaren, sie verweisen auf Filmkritiken und wissenschaftliche Analysen - und natürlich setzen sie besonders oft und gerne Links auf andere Blogs. Diese enge Vernetzung ist es, welche die Blogwelt so dynamisch und explosiv macht: Informationen verbreiten sich in ihr virusartig.
Selbst wenn einzelne Weblogs nur über eine Hand voll regelmäßige Leser verfügen, Tausende von Blogs können schnell einen enormen Aufmerksamkeitsstrom erzeugen - und auf die klassischen Medien einwirken.
In der heißen Phase des US-Präsidentschaftswahlkampfes präsentierte CBS-Anchorman Dan Rather in der Sendung "60 Minutes" Dokumente, die belegen sollten, dass George W. Bush seinen Militärdienst geschwänzt hatte. Nur neun Minuten später, noch während die Sendung lief, tauchten in Blogs erste Zweifel an der Echtheit dieser Papiere auf. Die Blogger betätigten sich daraufhin als Amateurdetektive: Einer kannte einen Spezialisten für alte Schreibmaschinen, ein anderer war Experte für Militärformulare, ein dritter machte vor, wie schnell man solche Dokumente mit Hilfe des Schreibprogramms Word nachbauen kann. Rather konnte diese Vorwürfe nie entkräften und nahm schließlich seinen Hut.
Nicht nur an Politikern und Journalisten erproben Blogger ihre Kräfte: In einem Spezialforum für Biker publizierte ein Nutzer aus San Francisco ein kurzes Video, das demonstrierte, wie leicht man die teuren Bügelschlösser der Marke "Kryptonite" mit Hilfe eines schlichten Kugelschreibers überlisten kann. Wochenlang verbreitete sich dieser Skandal in der Blogosphäre, bis auch die New York Times darüber berichtete und die Hersteller in Erklärungsnot brachte.
In allen diesen Fällen reagierten die Beschuldigten zunächst hilflos auf die Vorwürfe. Auf E-Mail-Anfragen der Blogger reagierten sie meist gar nicht. Solcherlei Arroganz heizt die Diskussionstemperatur noch an. "Kryptonite schien nicht recht erfasst zu haben, dass sie nicht nur ein kleines Problem, sondern eine handfeste Krise hatten", resümiert der Internet-Berater Martin Roell. Er prophezeit: "Künftig werden immer mehr Produktprobleme online entdeckt werden und Kommunikationskrisen online starten. Nur wenige Unternehmen sind darauf vorbereitet."
Laien schaffen Gegenöffentlichkeit
Nicht alle sind begeistert von der neuen Jedermann-Publizistik. "Ist also jeder Laie berufen, journalistisch eine Art Gegenöffentlichkeit zu schaffen?", fragte kürzlich der Medienjournalist Holger Wenk im Gewerkschaftsmagazin M, um sich kurz darauf selbst die Antwort zu geben: "Mitnichten!" Das Medienmagazin Insight will die Ursache des "Problems" im "Senfstau" entdeckt haben: "Jahrzehntelang unentdeckt und allenfalls vermutet, zeigt sich in Deutschland mehr und mehr die Existenz einer gewaltigen angestauten Menge nicht dazugegebenen Senfes."
Auch in den USA beziehen Blogger Prügel von professionellen Publizisten. Beispielsweise von Jonathan Klein: Ein typischer Blogger sei "ein Typ, der in seinem Pyjama im Wohnzimmer sitzt und schreibt", verkündet der einstige Fernsehjournalist seine Vorstellung über den prototypischen Weblog-Autoren und dessen bevorzugte Kleidung. Der Pyjama-Vorwurf ist seitdem zu einem geflügelten Wort in der Blogosphäre geworden.
Der Journalist und Blogger Jon Carroll schrieb kürzlich: "Pyjamas beschädigen nicht zwangsläufig die Qualität der Informationen, die das Gehirn einer Person durchlaufen, die gerade einen Pyjama trägt." Der Journalist und Autor Dan Gillmor verweist auf die selbstkorrigierenden Kräfte im Internet: "Wenn du etwas Unwahres sagst, wird es nicht lange dauern bis jemand es richtig stellt."
Tatsächlich unterscheiden sich Blogs in einem wichtigen Detail von herkömmlichen Netzpublikationen: Eine Kommentarfunktion erlaubt es jedem Leser, eine eigene Stellungnahme unter dem jeweiligen Blog-Eintrag zu veröffentlichen. Der redaktionelle Prozess der Faktenprüfung und der Korrektur wird an die Öffentlichkeit verlagert. "Ich habe schon vor langer Zeit begriffen, dass meine Leser immer mehr wissen als ich", sagt Gillmor, der das Manuskript seines Buches "We the Media" komplett im Internet veröffentlichte und von den Lesern seines Blogs korrigieren ließ. "Nachrichten müssen aufhören, ein Vortrag zu sein", sagt er, "stattdessen müssen sie eher einem Seminar oder einem Gespräch gleichen."
Der Redakteur der US-Zeitschrift Business Week, Stephan Baker, sieht nur eine Möglichkeit, Unwahrheiten und Gerüchten in der Blogosphäre zu begegnen: "Der beste Weg, ein gewisses Maß an Kontrolle über diesen Informationsfluss zu gewinnen ist, dazu beizutragen." Seinen Lesern empfiehlt er: "Lesen Sie ein Blog oder zwei und veröffentlichen Sie dort Kommentare. Besser noch: Beginnen Sie Ihr eigenes Blog."
DReise von Jonathan Klein: Ein typischer Blogger sei "ein Typ, der in seinem Pyjama im Wohnzimmer sitzt und schreibt", verkündet der einstige Fernsehjournalist seine Vorstellung über den prototypischen Weblog-Autoren und dessen bevorzugte Kleidung. Der Pyjama-Vorwurf ist seitdem zu einem geflügelten Wort in der Blogosphäre geworden.
Der Journalist und Blogger Jon Carroll schrieb kürzlich: "Pyjamas beschädigen nicht zwangsläufig die Qualität der Informationen, die das Gehirn einer Person durchlaufen, die gerade einen Pyjama trägt." Der Journalist und Autor Dan Gillmor verweist auf die selbstkorrigierenden Kräfte im Internet: "Wenn du etwas Unwahres sagst, wird es nicht lange dauern bis jemand es richtig stellt."
Tatsächlich unterscheiden sich Blogs in einem wichtigen Detail von herkömmlichen Netzpublikationen: Eine Kommentarfunktion erlaubt es jedem Leser, eine eigene Stellungnahme unter dem jeweiligen Blog-Eintrag zu veröffentlichen. Der redaktionelle Prozess der Faktenprüfung und der Korrektur wird an die Öffentlichkeit verlagert. "Ich habe schon vor langer Zeit begriffen, dass meine Leser immer mehr wissen als ich", sagt Gillmor, der das Manuskript seines Buches "We the Media" komplett im Internet veröffentlichte und von den Lesern seines Blogs korrigieren ließ. "Nachrichten müssen aufhören, ein Vortrag zu sein", sagt er, "stattdessen müssen sie eher einem Seminar oder einem Gespräch gleichen."
Der Redakteur der US-Zeitschrift Business Week, Stephan Baker, sieht nur eine Möglichkeit, Unwahrheiten und Gerüchten in der Blogosphäre zu begegnen: "Der beste Weg, ein gewisses Maß an Kontrolle über diesen Informationsfluss zu gewinnen ist, dazu beizutragen." Seinen Lesern empfiehlt er: "Lesen Sie ein Blog oder zwei und veröffentlichen Sie dort Kommentare. Besser noch: Beginnen Sie Ihr eigenes Blog."
----------------------------------------------------
"Das bloggst du aber nicht, oder?"
Im wahren Leben FR-Redakteurin, im Internet "The Daily Mo": Ein Erfahrungsbericht aus Klein-Bloggersdorf
Von Monika Porrmann
(Fast) täglich Mo (Screenshot)
Typisch Blogger! Da wird unser Lieblingsspielzeug zur besten Sendezeit einem Millionenpublikum nahe gebracht, und was bloggen wir? "Skandal bei ,Wer wird Millionär?' - alle vier Antworten falsch" (www.argh.de). Undankbares Völkchen.
In Sekundenschnelle sind wir öffentlich präsent mit einem gnadenlosen Verriss, wenn Medien, Politiker, Manager, Quizmaster oder gar Mitblogger sich (echte oder vermeintliche) Fehltritte leisten. Aber zugleich höchst empfindlich, wenn es um die korrekte Beschreibung dieser rätselhaften Tätigkeit geht, der wir einen erklecklichen Teil der Freizeit widmen. Die richtige Antwort auf die TV-Quiz-Frage, was ein Blog sei - ein Tagebuch im Internet - weisen viele Blogger weit von sich. Obwohl diese Erklärung Nicht-Bloggern noch am ehesten vermittelt, womit sie es zu tun haben.
Gibt es überhaupt noch Nicht-Blogger? Wer sich regelmäßig durch die immer dichter werdende Blogosphäre bewegt, mag es kaum glauben. Die Gemeinde der aktiven Netzautoren wächst stetig, und sie hat so ziemlich alles zu bieten: Da gibt es Wort- und Rädelsführer, Großmäuler und stille Wasser, Individualisten, Kuschelgruppen, Vereine und Cliquen. Es gibt Politblogger, Strickblogger, Buch-, Film- und Technikblogger, vor allem aber Querbeet-Blogger. Und über allem scheint das wachsame Auge der Blog-Polizei zu schweben, die aufpasst, dass beispielsweise traditionelle Medien oder Quizmaster Weblogs korrekt definieren.
In Klein-Bloggersdorf geht es nicht anders zu als in jedem real existierenden Kaff. Ich muss es wissen - auch ich habe dort einen Wohnsitz (www.dailymo.de). Erfreulicherweise nimmt mir das niemand übel. Dass ich blogge, halten die meisten meiner Freundinnen und Freunde für einen harmlosen Spleen. Meine Kollegen schwanken zwischen stillem Stolz (etwa, wenn sie entdecken, dass mein Weblog in einer Linkliste empfohlen wird) und banger Skepsis (wenn ich sie mal wieder ungefragt zu Protagonisten gemacht habe). Manche Gespräche enden mit der besorgten Frage "Das bloggst du aber nicht, oder?"
Der Eindruck, unsereins sei permanent mental online und würde jede Wahrnehmung unmittelbar auf ihre Verwertbarkeit im eigenen Weblog überprüfen, ist manchmal nur schwer zu zerstreuen - vermutlich, weil ein Fünkchen Wahrheit daran ist.
Dialog statt Monolog
Vor gut drei Jahren hat mich bei ausgedehnten Streifzügen durchs Web das Blog-Virus erwischt. Leute wie ich scheinen für Ansteckung geradezu prädestiniert: Ich bin nicht nur eine schreibfreudige Journalistin, sondern auch ausgebildete Webdesignerin. Nach sechs textintensiven Jahren in Printredaktionen tat sich zudem mit dem Wechsel in das Online-Team ein Vakuum auf, das gefüllt werden wollte. Das Schreiben war in den Hintergrund getreten. Und es fehlte.
Die Spielwiese Weblog kam mir da gerade recht: Schreiben, worüber ich mag, veröffentlichen, wann immer ich will, in einem Layout ganz nach meinem Geschmack - und das alles ohne Druck durch Zeilenvorgabe, Chefredakteur, hohe Produktionskosten oder Redaktionsschluss? Wunderbar!
Im Frühsommer 2002 ging mein erstes Weblog online. Die erste Version hatte ich noch " handgeklöppelt", später griff ich auf einen Blog-Dienstleister zurück, der mir so gut wie alles abnahm (außer dem Schreiben) - ideal für Anfänger oder Leute, die mit HTML & Co nichts am Hut haben. Mittlerweile nutze ich eine recht komfortable Blogsoftware, die mir reichlich Gestaltungsspielraum lässt, und eine Datenbank, die derzeit 500 Einträge und knapp 1500 Kommentare für mich sortiert und aufbewahrt.
Mein Blog muss für vieles herhalten, aber längst nicht für alles. Je nach Tagesform, Stimmung, Erzählfreude und Nachrichtenlage ist es mal Notizzettel, mal Flaschenpost, mal Feuerstelle, von der aus ich Rauchzeichen für weit entfernt lebende Freunde gebe. Meist nutze ich es als Wandzeitung für meine Sicht auf die Welt. Als Tisch, auf den ich lautlos hauen kann. Als Stammplatz in der Speakers' Corner.
Richtig Spaß macht es (mir) erst, wenn aus den Tiefen des Webs ein Echo zurückhallt. Dafür gibt es die Kommentarfunktion: Wer mag, kann über ein Formular seine Meinung zu einem meiner Einträge hinterlassen. Die meisten Weblogs bieten diese Möglichkeit, zwingend ist sie nicht - mancher Blogger lebt besser ohne. Für mich ist sie ein wichtiges Element beim Bloggen: Ich will Dialog, nicht Monolog. Ich will Publikum, das auch mal Laut gibt.
Spammer als Spaßbremsen
Oft tut es mir den Gefallen. In den Diskussionen geht es meist um Politik, hin und wieder wird es auch persönlich. Beleidigungen sind selten - sie würden umgehend gelöscht, und von meinem Hausrecht musste ich bisher kaum Gebrauch machen. Mein überschaubares Stammpublikum weiß sich zu benehmen. Von den Plagegeistern des Webs bin ich bislang weitgehend verschont geblieben. Trolle, Stalker und Spammer, die die Kommentarfelder mit Werbeeinträgen fluten, sind wohl die größten Spaßbremsen beim Bloggen. Gleich danach kommen notorische Falsch-Versteher, ungefragte Ratschlag-Geber und Ideologie-Verklapper. Das ist im Web wie im richtigen Leben.
Ein Blog ist keine geschlossene Veranstaltung (es sei denn, man macht es per Passwortkontrolle dazu). Nach anfänglichen Schnellschüssen habe ich es mir hinter die Ohren geschrieben: Was ich ins Textfeld tippe, verschwindet nicht zwischen den Buchdeckeln einer Kladde und dann in der Schreibtischschublade. Mit einem Klick auf "publish" hängt es schon im nächsten Moment an der größten Litfaßsäule der Welt. Deshalb findet Privatleben online zwar Erwähnung, wird aber wohlüberlegt dosiert. Mein Blog ist keine Echtzeit-Biografie.
"Als all das Geschwätz und die eitle Selbstgefälligkeit noch in Poesiealben, auf Pausenhöfen und an Pissrinnen nur einem kleinen Kreis zugänglich blieb, war die Welt besser", so kommentierte neulich ein Kollege die um sich greifende Bloggermania - nicht zu Unrecht übrigens. Er liest vermutlich einfach die falschen Blogs.
Das Netz offenbart wortgewandte Erzähler, die aus einem unspektakulären Feuerwehreinsatz in der Nachbarschaft eine brillant geschriebene Kurzgeschichte machen. Es bietet Raum für Berichterstatter, die zu Schauplätzen des Weltgeschehens nicht erst anreisen müssen. Aus dem Blog einer in Israel lebenden Deutschen erfahre ich manchmal mehr über die Befindlichkeiten der Menschen dort als aus einem noch so klug geschriebenen Leitartikel. Und der Live-Bericht einer in der Sicherheitszone "eingesperrten" Bloggerin aus Mainz, die am Tag des Bush-Besuchs bloggte, was vor ihrem Fenster geschah, war authentischer als die Sondersendungen im Fernsehen.
Wie an jedem gut sortierten Kiosk gibt es auch in Klein-Bloggersdorf nicht nur politische und Fach-Magazine, sondern auch die Yellow Press. Manche Blogger erreichen mit dem Veröffentlichen von Klatsch, Tratsch, Essensplänen und Einkaufslisten erstaunliche Quoten. Wer immer einen Internetzugang hat, der hat die Lizenz zum Bloggen.
Kein Wunder also, dass sich die Kandidatin bei "Wer wird Millionär?" schwer tat mit einer Antwort auf die Blog-Frage. Selbst die angebotene Antwort "Heißluftfront" wäre nicht gänzlich falsch gewesen.
-----------------------------------------------------------
"Nun hat einfach jeder sein Medium"
Thomas Burg über Blogs und wie sie Kommunikation fördern
Frankfurter Rundschau: Herr Burg, wann haben Sie zuletzt eine Eintragung in ihr Weblog "randgaenge.net" gemacht?
Thomas N. Burg: Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Denn mein Weblog besteht aus zwei Produktionsumgebungen, die auf einer veröffentlichten Seite einfließen. Aber, um es kurz zu machen, der neueste Eintrag stammt von heute.
Leiden eigentlich alle Blogger unter einem Mangel an Aufmerksamkeit? Oder worin liegt für Sie der Reiz, beinahe täglich ein solch öffentliches Journal zu führen?
Um ein Tagebuch geht es mir überhaupt nicht. Als ich damals, im März 2002, mein erstes Weblog eingerichtet habe, suchte ich für mich einfach nach einer Möglichkeit, Quellen und Ressourcen, die ich im Internet gefunden hatte, in einer Art annotierten Bibliografie abzulegen und für mich von überall her zugänglich zu machen. Dafür hat sich die Blogsoftware extrem gut geeignet. Ich schreibe sozusagen mir selbst Notizzettel, allerdings öffentlich und für jedermann zugänglich.
Wo genau sehen Sie die Vorteile der Blogosphäre?
Interview
Thomas N. Burg ist Direktor des Zentrums für Neue Medien an der Donau-Universität Krens und Organisator der Konferenz "Blog Talk" in Wien, einem der wichtigsten Kongresse der deutschsprachigen Bloggerszene.
Der 40-Jährige forscht und lehrt an der Universität Krens und gilt als einer der besten Kenner der hiesigen Blogosphäre. Thomas Burg lebt in Wien. eff
Über mein Weblog habe ich - zu meiner eigenen Überraschung - schnell Kontakt zu anderen Leuten gefunden, die die gleichen Interessen haben wie ich und in einem ähnlichen Feld arbeiten. So ist in kurzer Zeit ein internationales Netzwerk entstanden. Was ich in den vergangenen zweieinhalb, drei Jahren an direkten, fachlich relevanten Kontakten aufgebaut habe, war bis dahin so gar nicht möglich. Solche Kontakte haben sehr viel mit Kommunikation zu tun. Und in der Zeit, bevor es Blogs gab, war es viel schwieriger, Gleichgesinnte zu finden. Ich hätte jede Woche zu einer Konferenz oder einem Seminar reisen müssen, um diese Leute zu treffen.
Die Blogs erleichtern also den Austausch mit anderen Menschen?
Genau, das kann fachlich sein, das kann der Freizeitbereich sein, das kann ein politisches Interesse sein, was auch immer. Und es ist nicht mehr lokal oder regional eingeschränkt. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Ich benutze diese Technologie, um mich über meine unmittelbare Umgebung hinwegzusetzen. Ich muss das nicht tun, aber ich kann's.
Können Sie uns Laien sagen, worin der Unterschied zwischen einem Blog und einer "normalen" Internetseite besteht? Vergessen wir einmal die technischen Finessen. Auf den ersten Blick erkennt man ein Blog daran, dass der neueste Eintrag ganz oben auf der Seite steht - dann geht es weiter in umgekehrt chronologischer Reihenfolge. Und es gibt Verbindungen zu Beiträgen auf anderen Webseiten. Grundsätzlich hat sich mit Weblogs ein Paradigmenwechsel vollzogen. Es dominieren nicht länger die Adressen von ganzen Webseiten, auf denen bestimmte Inhalte zu finden sind, sondern die einzelnen Einträge, die Posts, werden direkt angesteuert. Deshalb spricht man auch englisch vom "Micro-Content", vom Kleininhalt. Blogsysteme sind nichts anderes als Einrichtungen, um solche Mini-Inhalte zu organisieren. Durch die neue Struktur hat jede dieser knappen Informationen eine eigene, direkt anwählbare Adresse - wie eine Telefonnummer. Das macht es möglich, diese Nachrichten sehr sehr schnell im Netz zirkulieren zu lassen und für jeden publik zu machen.
Die Tsunami-Katastrophe in Südostasien hat in Deutschland einen regelrechten Blog-Hype ausgelöst. Die Online-Journale waren zeitweise der einzige Weg, schnell, zuverlässig und für jeden zugänglich Informationen aus den betroffenen Regionen zu bekommen.
Die Blogs haben eben die Stärke, bei relativ geringen Kosten und technischem Aufwand vergleichsweise professionellen Produktionsansprüchen zu genügen. Sie ermöglichen es tatsächlich, beinahe zu jeder Zeit von jedem Ort der Erde professionelle Arbeit abzuliefern. Die "Produktionsmittel" dafür sind faktisch gratis und stehen jedem zur Verfügung. Letztlich entscheiden nur noch die Inhalte, die Aktualität, das Sensationelle, ob und wie diese Meldungen wahrgenommen werden.
Eine neue Form des Journalismus also, wobei niemand kontrollieren kann, ob die Informationen stimmen oder ob sich jemand einen Spaß erlaubt?
Natürlich bringt diese technische Entwicklung einige Verschiebungen mit sich, weil - im Gegensatz zu den klassischen Medien - die Mittlerfunktion wegfällt, die Redaktionen von Sendern und Verlagen. Nun entscheiden einfach die User unmittelbar, ob Sie eine Blog-Meldung glauben und weiter verbreiten. Genau darin besteht aber auch das Korrektiv. Ein Weblog-Eintrag wird ja nur dann zu einer Nachricht, wenn er von anderen wahrgenommen, geglaubt und weiter verbreitet wird. Ein einzelner Weblogautor kann das nicht. Die Gemeinschaft entscheidet, was sie für wichtig und richtig hält und weiter streut. Diese Gesamtheit, dieses Regulativ, ist im Augenblick natürlich nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Bestimmte Gruppen sind stärker vertreten als andere.
Bleiben wir eine Minute bei den "Watchblogs", den selbst ernannten Wächtern über klassische journalistische Formate. Vor wenigen Wochen musste der CNN-Nachrichtenchef Eason Jordan seinen Hut nehmen, weil Blogger aus einer Rede zitiert hatten, die er hinter verschlossenen Türen - off the record - gehalten hatte. Damit haben die Blogger eindeutig gegen die journalistischen Regeln verstoßen.
Beim Konflikt zwischen Bloggern und Journalisten kommen zwei Aspekte zusammen. Zum einen die technische Möglichkeit: Das Weblog ist nur ein Instrument, damit kann ich verschiedenste Dinge anstellen. Was ich damit mache, bleibt erstmal mir überlassen. Wenn ich einen journalistischen Anspruch habe, versuche ich es eben journalistisch. Zum anderen erfordern aber neue Technologien auch neue Regeln für ihren Umgang. Im Augenblick erleben wir es, wie Leute die Weblog-Technologie nutzen, um Informationen möglichst schnell und weitreichend zu publizieren - dazu hatten die meisten von ihnen bislang nicht die Möglichkeiten, weil sie nicht bei Zeitungen, im Radio oder im Fernsehen gearbeitet haben. Jetzt hat jeder sein Organ, sein Medium. Und es dauert eben eine Zeit, bis eine Gesellschaft neue Regeln für den Umgang mit solchen technologischen Innovationen gefunden hat. Im Augenblick erleben wir einfach, was alles möglich ist.
Einige Beobachter der Szene sprechen von einer Demokratisierung der Medienbranche, andere sehen die Blogs eher als Vehikel, um Verschwörungstheorien zu verbreiten?
Der Vergleich von Weblogs und Journalismus mag sich zunächst aufdrängen, doch im Kern geht es doch darum gar nicht. Es gibt natürlich Weblogs, die einen journalistischen Anspruch haben. Das ist aber eine absolute Minderheit. Ich glaube, Weblogs sind ganz einfach Hilfsmittel, um die Kommunikation zwischen Menschen zu erleichtern und die Kommunikationsfrequenz zu erhöhen. Das heißt, mehr Menschen können, wenn sie es wollen, miteinander in Kontakt treten - auf viel leichterem Weg.
In welchem Stadium befinden wir uns beim Weblog-Phänomen gegenwärtig im deutschsprachigen Raum?
Wir befinden uns in der Anfangsphase. Was jetzt bei uns läuft, hat in den USA vor zwei Jahren stattgefunden. Das mag erklären, weshalb zurzeit um Blogs so viel Aufhebens gemacht wird.
Interview: Steffen Hebestreit
ALLY G.ALLY_G # Saturday, December 10, 2005 5:29:14 AM
ja ja, warte nur: es werden immer mehr....
Ich lese auch Deine Texte. In Deutschland dauert es halt immer etwas laenger, bis ein neues Medium sich durchsetzt.
Wird schon noch werden - unaufhaltsam - denke ich.
Viele Gruesse
Elke