Salami-Taktik
Friday, January 6, 2012 9:38:17 PM
Oder: "Warum Politiker selbst dann nicht mit der Wahrheit herausrücken, wenn kein Zweifel mehr an ihrer Schuld besteht".
Es kommt immer wieder vor. Politiker oder andere Prominente werden bei irgendetwas ungehörigem oder gar verbotenem erwischt. Der übliche Ablauf ist folgender:
- Die Anklage steht im Raum, erste Beweise werden vorgetragen.
- Der Politiker verweigert den Kommentar oder streitet alles ab.
- Die Beweise werden in der Öffentlichkeit vollständig ausgebreitet.
- Der Politiker streitet alles ab und ist wütend über die infamen Lügen.
- Die Beweise werden von mehreren unabhängigen Stellen bestätigt.
- Der Politiker jammert über die Verschwörung/Schmutzkampagne gegen ihn.
- Es wird erneut auf die bekannten Beweise verwiesen. (Die Vorgesetzten, Kollegen oder Parteigenossen gehen langsam auf Distanz zum Politiker.)
- Der Politiker gesteht ein möglicherweise missverständliches Verhalten ein.
- Es wird erneut auf die bekannten Beweise verwiesen.
- Der Politiker gesteht ein unbewusstes Fehlverhalten ein.
- Es wird erneut auf die bekannten Beweise verwiesen.
- Der Politiker gesteht eine Teilschuld ein.
- Es wird erneut auf die bekannten Beweise verwiesen.
- Der Politiker gesteht ca. 80% von dem, was in den eindeutigen Beweisen vorliegt.
- Die meisten Ankläger sind ermüdet und habe keine Lust mehr immer wieder die selben Anklagen zu wiederholen.
Und dann ist klar, warum der Politiker so vorging. Wie man merkt, können die Ankläger immer wieder nur auf die klaren und deutlichen Beweise verweisen. Der Täter hingegen kann aus seinem ganzen schauspielerischen Repertoire schöpfen und sich in seine Opferrolle einleben. Die meisten Menschen werden es irgendwann satt, die immer gleichen Vorwürfe gegen den Politiker zu hören. Besser noch, die Unentschlossenen und Anhänger des Täters denken womöglich, die Ankläger sind dumm und gemein, weil sie immer auf den gleichen Vorwürfen herum hacken. (Dabei tun die Ankläger das nur, weil der Angeklagte die Tatsachen ständig leugnet.) Die Presse lässt dann irgendwann locker und der Politiker muss gewöhnlich nicht alles zugeben, was er zu verantworten hat.
Dass der Politiker dabei in aller Öffentlichkeit bewusst lügt und sogar bewusst die Ankläger fälschlich der Lüge bezichtigt, gehört zum Spiel. Was wirklich deprimiert: es funktioniert. Das Volk hat ein ausreichend kurzes Gedächtnis um den Trick nicht zu durchschauen, selbst wenn er zum einhundertsten Mal vorgeführt wird. Viele bekommen auch nicht mit, dass der Politiker gewöhnlich nie die ganze Schuld eingesteht. Und selbstverständlich verbindet niemand das Fehlverhalten der Person mit der Partei, die das Verhalten meist unkommentiert akzeptiert.
Eine der wenigen Ausnahmen der letzten Jahre ist die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Käßmann. Man mag fast glauben, nicht die 1,5 Promille, sondern ihre Ehrlichkeit kostete ihr den Job.

