Denn sie sehen nicht, was sie tun
Wednesday, January 18, 2012 10:41:17 PM
38° beträgt der tote Winkel bei LKW.
Es wird schon Kindern erklärt, LKW-Fahrer sehen einen nicht, deshalb muss man selber aufpassen.
Was das kindliche Gemüt so hin nimmt, ist für mich eine unglaubliche Situation. Wir erwarten von Kindern (und allen anderen Verkehrsteilnehmern) dass sie alle Rechte als Verkehrsteilnehmer aufgeben und sich vor LKW-Fahrern schützen. Für LKW-Fahrer gelten zwar die gleichen Verkehrsregeln, weil sie aber oft nicht sehen wohin und worüber sie fahren, können sie keine Vorfahrt gewähren oder Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer nehmen.
Ein recht langatmiger Artikel im Berliner Tagesspiegel beschreibt ein Gerichtsverfahren. Ein LKW-Fahrer überfuhr beim Abbiegen eine Radfahrerin - ein alltäglicher Vorgang in Deutschland.
Ein LKW hat einen toten Winkel von 38°. Da kann im Anschauungsunterricht schon mal eine ganze Schulklasse vor dem Fahrer versteckt werden. Der Fahrer aus dem Zeitungsartikel hatte sogar einen (DOBLI) Zusatzspiegel und hätte die Radfahrerin 1-2 Sekunden lang sehen können - wenn er im richtigen Moment in den richtige Spiegel geblickt hätte. Deshalb ist er schuldig. Wäre die Frau im toten Winkel geblieben, hätte den LKW-Fahrer offenbar keine Schuld getroffen.
Die Zusatzspiegel sind nicht vorgeschrieben. LKW über 7,5 Tonnen müssen neuerdings immerhin so viele Spiegel haben, dass der tote Winkel auf 19° halbiert wird - also nur noch eine halbe Schulklasse hineinpasst. DOBLI-Spiegel könnten den toten Winkel auf 4° reduzieren, aber die Ausgaben mit 150 Euro je LKW sind für Spediteure offenbar nicht zumutbar.
Es geht mir nicht um Schuld oder Unschuld des LKW-Fahrers, sondern um die fassungslose Frage: Wie kann man Fahrzeuge für den Straßenverkehr zulassen, mit denen man ohne schuldhaftes verhalten Menschen verstümmeln und töten kann, die sich ebenfalls an die Verkehrsregeln halten?
Die Situation wird übrigens durch Radwege eher verschlechtert. Statt vor dem LKW zu fahren, wo man gesehen wird, muss man als Radler oft neben dem fließenden Verkehr fahren und das in so geringem seitlichen Abstand, dass man beste Chancen hat, im toten Winkel unsichtbar zu bleiben.
Dabei fällt mir eine eigene Erfahrung ein: Ich bin schon auf dem Radweg von einem LKW angefahren und abgedrängt worden. Rechts war eine Hofzufahrt die die LKW im spitzen Winkel anfahren mussten. Der LKW fuhr links auf gleicher Höhe und bog rechts in die Zufahrt ab. Ich hatte Glück dass ich bei dem Zusammenprall nicht stürzte und konnte mit auf den Hof fahren. Ich habe ihm dann signalisiert, dass es mir gut geht. Aber er wusste gar nicht was ich von ihm wollte. Er hätte wahrscheinlich auch nicht viel mehr gemerkt, wenn ich gestürzt wäre und er mich überrollt hätte. Vielleicht haben ihm die komischen Flecken auf seiner Plane zu denken gegeben.
Fazit
Wer als Radfahrer von einem LKW die Vorfahrt genommen bekommt und dabei gerammt, überfahren oder getötet wird, kann sich beruhigen, dass es nicht böse gemeint war. Der Fahrer konnte wahrscheinlich nichts sehen. Die Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland sollte uns kleine und große Opfer wert sein.

