Als mir Alexander von Humboldt begegnete...
Tuesday, 5. September 2006, 13:41:28

"So, Sie treiben Botanik! Meine Frau auch."
Napoleon Buonaparte, bei einem Zusammentreffen mit A. v. Humboldt
Und manchmal will mir scheinen, dass zwei Menschen wie Billardkugeln auf einander zurollen, zusammenprallen und auseinander fliegen,
nicht ahnend, das ihr Lebensweg hinfort von diesem Zusammenstoss bestimmt sein wird.
Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)
Mir ist noch sehr genau und lebhaft erinnerlich, wie ich als 15-jähriger alles verschlang, was es damals an Reiseberichten, Biographien, Originaltexten und Sekundärliteratur von und über Alexander von Humboldt zu lesen gab. Heute weiss ich nicht mehr genau zu sagen, was mich vor allem an diesem Autor gefangen nahm: Seine unbändige Reiselust, seine Neugier, sein fesselnder, an klassischen Formen geschulter Stil, die umfassenden Kenntnisse auf den Gebieten der Geologie, Vegetationsgeographie, Botanik, Klimakunde und Ethnologie oder sein Ehrgeiz als Bergsteiger. Er berührte mich in jenem sensiblen Alter, als ich mich selbst für diese Wissens - und Erlebensbereiche zu interessieren begann.
An der Wand meines Zimmers hatte ich in dieser Zeit ein Faksimile seines Stahlstichs mit dem Querschnitt durch den südamerikanischen Kontinent, die Höhenstufenzonen der Vegetation darstellend, angepinnt (aus seinem Werk: "Geographie der Pflanzen in den Tropenländern, ein Naturgemälde der Anden, gegründet auf Beobachtungen und Messungen, welche vom 10. Grade nördlicher bis zum 10. Grade südlicher Breite angestellt worden sind, in den Jahren 1799 bis 1803"). Damals kraxelte ich viel in den Bergen herum und vertiefte mich in die Botanik der alpinen Pflanzen. Auch sass ich in jeder freien Minute auf dem Fahrrad und erkundete die Umgebung meines Heimatortes. Nicht wissen konnte ich aber in jenen Tagen, dass mich pflanzengeographische Fragen seither nicht mehr loslassen würden. Er hatte mich angesteckt mit seiner Neugier und seiner genialen Fähigkeit des Zusammenfügens scheinbar entfernter und inkohärenter Beobachtungsgegenstände in der Natur. Ein Samenkorn war gelegt - über Zeiten, Gegenwart und individuelle Lebensumstände hinweg. Bemerkenswert erscheint es mir heute, dass bereits Alexander von Humboldt das immer noch aktuelle und umstrittene Thema "vicariant versus dispersalist biogeography" so früh und - auf einem aus heutiger Sicht noch so unvollkommenem Kenntnisstand - aufgriff und bearbeitete, welches bis dato einer eigentlichen Lösung harrt.
(Nun ackere ich selbst auf diesem Felde, und ich hoffe, bald zu vorzeigbaren Ergebnissen zu gelangen. Habent sua fata libelli.)
In dem erwähnten Alter erwachte auch meine Vorliebe für Pharmakologie und Ethnobotanik und ich erinnere mich an die Lektüre von Humboldts Bericht über die indianische Praxis von "Curare" als Pfeilgift, eine Substanz, die noch in den ersten Jahren meiner ärztlichen Praxis für Narkosezwecke benutzt wurde; in der Retrospektive muss ich wohl konstatieren, dass der grosse "Verführer" meinen beruflichen Weg als Anästhesist im eigentlichen Sinne angestossen hatte.
Drei Jahrzehnte später nahm ich mit Verwunderung und Vergnügen wahr - auch der von mir geliebte und vereehrte Horst Janssen fing an dem ENT-DECKER Alexander von Humboldt Feuer (Abb. links unten):
Oder so: Der öffentliche, der offizielle, der veröffentlichte Alexander von Humboldt und der tatsächliche, der wirkliche, TATsächliche (oder heimliche), der unveröffentlichte Autor und Mensch.
Tertium: Alexander von Humboldt und unsere Zeit - hoch gelobt und gern zitiert - doch wird er überhaupt noch gelesen? (Auf Cuba gehört Humboldt zur Pflichtlektüre in den Schulen).
Postremum: Welchen ästhetischen und philosophischen Denkansatz verfolgte Alexander von Humboldt zeitlebens?
Hinlänglicher Stoff zum Nachdenken.
Zu manchen Zeiten geschieht es während einer Wanderung oder einer Zugfahrt,
dass ich mich unversehens wiederfinde, in ein Gespräch vertieft, mit Alexander,
meinem Reisebegleiter aus einer anderen Zeit.
Das aber ist eine andere Geschichte.
Ich habe meinen Meister und Bruder im Geiste gefunden.
Am 14. September wird Alexander von Humboldt 237 Jahre alt.

