Fussballer und ihre Wehwehchen
Sunday, May 2, 2010 4:55:56 PM
Ich bin Fussballfan. Seit ich denken kann und sogar meine früheste Erinnerung hat mit Fussball zu tun. Das WM Finale ’90. Persönlich wars keine positive Geschichte, aber doch der Anfang einer lang anhaltenden Liebe. Wenn auch nur noch in passiver Form, meine Liebe zum Ball glüht noch immer.
Da ich aber auch ein eher kritischer Mensch bin, halte ich im organisierten Bereich des Fussballs (= dem zum zuschauen) einige Entwicklungen für falsch bis fatal. Angefangen mit dem Bosman-Urteil und verrückten Gehältern, über windige Spielerberater bis hin zur vollumfsassenden Kommerzialisierung - und der damit einhergehenden Degradierung meiner Lieblingssportart zum Marketingtool - gibt es so einiges auszusetzen.
Zu einigen dieser Punkte gibt es Lösungsansätze von denen ein Teil bereits umgesetzt wurde oder irgendwann umgesetzt werden wird. Andere Probleme wiederum wird man wohl nie lösen können, bzw. man erkennt sie nicht als Problem an.
Das Problem: Das Menschenmaterial
Der Sachverhalt zu dem ich eine Lösungsmöglichkeit beitragen möchte umfasst in erster Linie die Verletzungsanfälligkeit der Spieler aufgrund des zu intensiven Spielplans. Damit im Zusammenhang die Übernutzung von Medikamenten (ich denk auch verbotene Substanzen) und ganz indirekt die völlig überdrehten Marktpreise rund um Spielergehälter & Ablösesummen.
Die Lösung: Die Zwangspause
Mir geht es um ein Zeitlimit für Spieler. Jeder Spieler darf pro Saison (oder Kalenderjahr) nur eine bestimmte Anzahl von Pflichtspielminuten absolvieren. Was als Pflichtspiel gewertet wird muss definiert werden. Die Strafen bei Verstössen müssen empfindlich sein, gleichzeitig muss es aber eine Art Zeitkonto geben können (etwa 10% in 5 Jahren), um Vereine mit Verletzungspech oder zu vielen gesperrten Spielern etwas entgegenzukommen.
Ein Zahlenbeispiel
Der überdurchschnittliche Hochleistungserstligaspieler mit Fussballnationalmannschaftshintergrund kommt pro Saison auf potentielle 34 (36/38) Ligaspiele, 7 Pokalspiele, 4(5/6) Liga-Cup-Spiele, 16 UEFA/FIFA-Spiele und grob gemittelte 15 Nationalmannschaftsspiele.
Macht summa summarum 76-82 Spiele mit mehr als 7000 Spielminuten und im Schnitt alle 4-5 Tage ein Spiel auf höchstem Niveau. Uwe-Seeler-Cup und andere Testspiele sind da noch nicht mitgerechnet.
Dass es hier trotz hervorragender Trainingsmethoden und medizinischer Versorgung zwangsläufig zu Verletzung und irreversiblen körperlichen Schäden kommt sollte klar sein. Niemand ist davor gefeilt, der alle paar Tage einen Halbmarathon läuft, während ihm dabei permanent in die Hacken getreten wird und er noch bei höchster Konzentration akrobatische Kunststücken vollführen soll.
Das geht nicht. Für niemanden und vor allem nicht über mehrere Jahre. Daher greifen die Spieler vermuteterweise zu allem was ihnen in die Hand kommt. Und da sie viel Geld haben und sie von einem entsprechendem Umfeld umgeben sind - andere Spieler mit den selben Problemen und dem selben Leistungszwang - wird das auch nicht wirklich schwierig sein.
Ein Einwand
Viele Trainer schonen ihre Spieler gezielt. Van Gaal machts vor - mit Robben. Dessen permanente Verletzungen scheinen der Vergangenheit anzugehören und auch bei anderen Spielern (z.B. Ribery) sieht die Sache ähnlich aus. Andere Trainer machen es auch und schonen ihre Spieler wenn es geht. Aber es machen längst nicht alle und wenn der Trainer ein wichtiges Spiel hat, dann muss der Spieler eben doch ran. Auch wenns zwickt.
So geschehen bei Bayern vs ManU - mit Rooney, der einem Leid tun kann überlastet wie er ist - und so geschehen bei Bayern vs Lyon. Demichelis und van Buyten, eigentlich verletzt wurden irgendwie fit gespritzt und durften jeweils eine Halbzeit lang ran.
Da die Entscheidung von van Gaal getroffen wurde gehe ich davon aus, dass sie vertretbar war. Trotzdem bleibt: Im Zweifel fällt die Entscheidung immer für den unbedingten Erfolg. Was danach kommt, für den Spieler und für den Verein, ist dann erst einmal egal.
Das sollte nicht sein. Insbesondere in England (nochmal Stichwort Rooney) herrscht so ein unglaublicher Erfolgsdruck, dass die mittel- und langfristige (gesundheitliche) Entwicklung der Spieler nur eine untergeordnete Variable darstellt welche notfalls weggespritzt werden kann. Nach mir die Sinnflut. Genug Geld und afrikanische Nachwuchsspieler sind ja da.
Der Plan
Natürlich spielt nicht jeder Spieler 80 Spiele lang 90 Minuten plus X, es ist das theoretische Maximum. Die meisten Vereine scheitern in den Pokalwettbewerben vor dem Finale, teilweise erfordert die Taktik eine Auswechslung und natürlich stellt kein Trainer einen Spieler auf der in einer Formkrise steckt.
Daher schätze ich, dass ein Spieler im Verein auf etwa 40 Spiele pro Saison kommt. In der Nationalmannschaft sind es dann vielleicht noch einmal 5 (gibt bestimmt genauere Zahlen, aber hab die nicht).
Eine Verringerung der Vereinsspiele auf 25 Spiele a 90 Minuten fände ich angebracht. Die Nationalmannschaftsspiele bleiben dabei außen vor. Es gäbe wohl zu viele Reibereien zwischen Vereinen und Verbänden geben müssten diese das Zeitkonto teilen.
Was wäre wenn...
Trainer müssten genau abwägen welchen Spieler sie wann und wie lange einsetzen. Es müssten Prioritäten gesetzt werden. Liga oder Pokal? Europa oder National?
Die Wertung eines bestimmten Spiels als wichtig oder unwichtig würde endlich wieder eine Bedeutung erhalten. Wenn Messi nicht spielt, dann kann es nicht so wichtig sein. Verliert die Mannschaft, dann wird er eingewechselt. Kann er das Spiel drehen?
Das besondere, früher in Form wenigen Europapokalabenden und Länderspielen vorhanden, käme vielleicht ein kleines Stückchen zurück. Wo dem Fan heute richtige neben Ballonseite auf dem Sat1/DSF Ramschtisch reingedrückt wird könnte das besondere genau dann wider entstehen, wenn zwei Mannschaften mit großen Ambitionen alle ihre besten Spieler auf das Feld schicken.
Wenn herausragende Spieler nur noch in bestimmten Spielen und Situationen eingesetzt werden können, dann müssen sie zwangsläufig zielgerichteter eingesetzt werden. Schwächere Mannschaften erhielten den Vorteil, das sie ihre besten Leute bei weniger Spielen im Verhältnis öfters einsetzen könnten. Die Reise in die 3 Klassengesellschaft, sie wäre vielleicht etwas weniger radikal, wenn Bochum in Bestbesetzung gegen ein Bayern im Ressourcenschongang spielt.
Talente aus der zweiten Reihe würden einen weitaus größeren Raum erhalten sich zu entfalten und sich zu beweisen. Wenn erst einmal der Nimbus vom unangreifbaren Stammplatz weg ist, dann wird die Konkurrenz größer, die Qualität steigt und der Verteilungskampf um die Start- bzw. Hauptelf gewinnt ein neuen Dreh hinzu.
Man denke nur an die Torhüterposition. Oliver Kah hat seinen Ersatzmännern vielleicht ein Spiel von 20 überlassen. Nicht auszudenken wie gut Rensing heute wäre, wenn er 40% der Bayernspiele (Kahn hatte wahnsinnig viele Pflichtspiele) auf dem Platz gestanden hätte.
Mit der geringeren Spielzeit würden zwangsläufig die Ablösesummen sinken und mit ihnen die Gehälter. Denn wenn ein Spieler nur begrenzt einsetzbar ist, dann ist er auch nur von begrenztem Wert. Ebenfalls sinken würde die Risikoprämie für das oben erwähnte gesundheitliche Risiko. Wer nur halb so oft aufs Ganze geht, der wird sich auch nicht so oft verletzen.
Während die Maximalsummen zwar sinken, so ist doch gleichzeitig zu erwarten, dass die Summen in der Breite etwas ansteigen werden, und zwar aus den genau entgegengesetzten Gründen von oben. Mit einer Normalisierung der Preise im professionellen Fussball auf menschliches Niveau insgesamt rechne ich nicht, aber es wäre evtl. etwas gleichverteilter.
Mein was wäre wenn.. für Feinschmecker
Stichwort Sebastian Deisler: Angenommen, er wäre von Hertha auf dem Platz nicht so verbrannt worden wie er es ist, sondern hätte nur 30 Spiele pro Saison gemacht. Er wäre wohl trotzdem in der Öffentlichkeit gestanden so gut wie er war, er hätte sich vermutlich trotzdem schwer verletzt und Depressionen bekommt man bei entsprechender Veranlagung auch mit weniger Pflichtspielen.
Aber das alles wäre vielleicht etwas weniger krass ausgefallen. Bayern hätte weniger Ablöse bezahlt und hätte ihn weniger verbrannt. Eventuell wäre ihm eine der schweren Verletzungen nicht passiert und ganz vielleicht hätte das alles in Verbindung mit seiner Depression nicht zum Karriereende geführt. Er könnte noch heute spielen und er könnte heute so gut sein.
Stichwort Mehmet Scholl:
Stichwort Bernd Schneider: Nach jahrelangem Nischendasein als Talent mit Tricks, das er bei niederklassigen Vereinen oder der Bank verbracht hat wurde er mit Ende 20 intensiver eingesetzt und hat für Leverkusen und die Nationalmannschaft so ziemlich alle Spiele mitgemacht. Während er zuvor jahrelang unverletzt war musste er seine Karriere letztlich aufgrund einer schweren Verletzung beenden. Man könnte sagen, es war das Alter oder einfach nur Pech. Man könnte aber auch behaupten, es war die Intensitätssteigerung der Spiele in Zahl und Härte, die für seinem Körper irgendwann zu viel waren.
Und Stichwort Lionel Messi: Ich behaupte bei ihm wirds laufen wie bei Allen Iversen[/video]. Durch das intensive Pensum mit dem Messi seinem Körper regelmäßig quält wird er in spätestens 8 Jahren völlig verbrannt sein. Naja, ihm bleiben dann noch die Millionen... El Fazito Wie alle meine Ideen wird auch diese nie umgesetzt werden oder gar in die Nähe von Realität gerückt werden. Trotzdem hielte ich eine künstliche Spielzeitverkürzung für das richtige Mittel. Denn mich als Fussballfan wird es in 10 Jahren auch noch geben und ich hätte gerne, dass Messi auch dann noch seine Tricks vorführt und durch gegnerische Abwehrreihen tanzt als gäbs kein Morgen. Doch den, da bin ich mir sicher gibt es auch bei ihm.
