Marie Karsten und ihre Sicht der Welt

Absurdes, Konfuses, Gemotztes, Nervendes, Literarisches, Eigenes und ganz viel von Erich Fried

Am Fenster, Kapitel I & II

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Ein kleines Vorwort sei mir erlaubt. Ich erzähle die reale Geschichte einer ehemals intersexuellen Frau die sich selbst und das Leben spät, fast zu spät gefunden hat. Dies mit allen persönlichen Fehlern, Rücksichtslosigkeiten aber auch persönlichen Niederlagen und Erfolgen die das Leben zu bieten hat. Sie hat Schuld auf sich geladen aber auch geleistet.
Um die ambivalente, intersexuelle Vergangenheit deutlich zu machen, spreche ich bei meiner männlichen Biografie, der fehlgeleiteten Sozialisierung, in der dritten Person.
Und nun die ersten beiden Kapitel.


An einem Freitag

Das Hotel ist bürgerlich, bietet Familienanschluß und liegt an der Ostsee. Genauer gesagt sind es nur 3 Minuten zur Hafenprome­nade in Eckernförde. Marie steht am kleinen Dachfenster in ih­rem Zimmer im Dachgeschoss. Marie ist 52 Jahre alt. Für ihr Al­ter und Größe, 178 cm, eine durchaus schlanke und attraktive Frau. Ein Leben mit Sport und körperlicher Fitness spiegelt Sie wieder. Die Figur eher athletisch, lange schlanke Beine, der Po klein aber fest, dem Bauch ist auch heute noch das jahrzehntelan­ge Training an zusehen. Die Brust hat die richtige Proportion ohne an den oft altersbedingten Folgen der Schwerkraft zu leiden. Ihr Gesicht ist das Auffällige, die leich erhöhten Wangenknochen dominieren das fast faltenlose Gesicht. Lachfalten, die kennt sie und trotz allem wirkt Marie, die auf ihre glatte und weiche Haut so stolz ist, in diesem Augenblick androgyn, konsequent und hart. Ein Ausdruck der nicht auf ihre intersexuelle Geburt und durch den langen Weg in das eigene Leben zu erklären ist. Auch die ak­tuelle Frisur, Perücke statt Glatze, ist keine Erklärung dafür. Das aschblonde Kurzhaar macht Sie eher Mädchenhaft.
Draußen scheint die Sonne. Es ist keiner dieser warmen Tage im Juli. Kein Tag an dem der Sommer sie mit warmen Strahlen ver­wöhnen wollte. Allerdings kann Marie an diesem Freitag damit leben, sehr gut sogar. Die Stimmung passte zum Wetter. Nicht wechselhaft eher konzentriert und abwesent. Die Metastasen im Unterleib vermehrten sich mal wieder und zu allem Überfluss hatte Sie sich auch noch eine böse Blasenentzündung eingefan­gen. All das machte ihr zwar zu schaffen, Marie wurde jedoch durch das Gefühl es endlich zu Ende gebracht zu haben, mehr als ausgeglichen. Es, das war die Geschichte von Mona und Karlo, die Geschichte von der großen Liebe und dem mörderischen Hass. Die Liebe welche Marie nicht verlieren konnte, das Gefühl, wel­ches drohte Sie zu verzehren, ihr alles zu nehmen. Sie hatte Ber­lin wegen Mona verlassen und wollte nicht an ihren unerfüllten Sehnsüchten zugrunde gehen. So blieb ihr nur die vermeintliche Flucht. Sollte doch Karlo, das Mensch gewordene Nichts, als finale Lösung scheinbar ungerechter Rache nicht ihrem Hass zum Opfer fallen.
So hatte Marie es sich gewünscht, aber wie so oft in ihrem Leben kam es mal wieder ganz anders. Sie hatte ihren eigenen, kleinen Frieden gesucht indem sie wieder in die gefühlte Heimat zog und sich dort eine Wohnung suchte. Ein neues Leben wollte sie auf die Beine stellen. Endlich ein Leben ohne die Menschen zu verlieren welche ihr so lieb und wichtig waren. Ohne die persönliche Tra­gik, keinen dieser Menschen halten zu können. Das war also ge­wollt, jedoch es war nicht zu realisieren. Zu oft dachte Marie an Mona, zu oft litt sie unter der Trennung und zu oft musste sie feststellen, der Hass wurde immer größer. Jetzt wo es vorbei ist, die eine große Liebe nicht mehr ist und Karlo zynischer Weise zwar das Opfer Mariechens, jedoch der Wut Monas anheim fiel, jetzt begann Marie freier zu atmen.
Sie blickt aus dem Dachfenster in den Obstgarten auf der ande­ren Seite des Fischergässchens und lächelt. Das erste mal in 52 Jahren lächelt sie triumphierend und als wenn Marie sich bei et­was verbotenem erwischen würde, wurden ihre Züge hart, die Au­gen stahlblau. Aber das Lächeln blieb in ihrem Gesicht. Sie tri­umphierte und genoss ihre Rache. Die zwei Menschen welche sie schlimmer gedemütigt hatten als all die Dramen zuvor, die Zwei welche Marie erniedrigt hatten wie nichts und niemand zuvor, diese Zwei haben sich zu Maries Werkzeug gemacht. Den gewalt­samen Tod zweier Menschen zu wünschen, dabei die Opfer zu Tä­tern zu machen und selbst straffrei zu bleiben. Marie war endlich in der Welt emotionaler Gnadenlosigkeit angekommen. Den Tot dieser Menschen, von denen sie einen mehr geliebt hat als je einen Anderen zuvor, diesen Tot zu wollen, zu planen und auch herbeizuführen, verschaffte Marie Erleichterung und Befriedi­gung zugleich.
Ihre Züge entspannten sich am Fenster. Die Sonne lachte sie von dem fast wolkenlosen Himmel an, so das sie die Augen etwas zu­sammen kneifen musste. Nicht einmal der stechende Schmerz im Unterleib konnte ihr das momentane Gefühl der Zufriedenheit nehmen. Die Entzündung würde wieder abklingen und die Meta­stasen, nun ja, mit der geplanten Operation und dem Damokles­schwert dieser Krankheit lebte Sie schon viele Jahre. Damit wür­de Sie sich wie immer arrangieren. Das konnte Marie, wie ihr oberflächlich betrachtet verkorkstes Leben, mit sich selbst aus­machen.
Ein Leben in Ambivalenz, ein Leben in Fremdbestimmung weil missbraucht und misshandelt. Ein Leben voller Verluste, am eige­nen Leben und Empfinden. Ein Leben in Isolation und gefühlter wie realer Haft. Die unerfüllte Sehnsucht nach Familie und Lie­be. An diesem Hotelfenster begann Marie sich zu erinnern, an die wenigen schönen Augenblicke, an die Qualen und an Mona.


Marie, der Neid

Neid ist der Anfang allen Übels. Davon hatte Sie mehr als genug. Schlimm nur, er war die Triebfeder all ihrer Niedertracht, Infa­mie und die Ursache ihres grenzenlosen Hasses und Mißtrauens. Nicht das Marie darunter litt. Wie auch, gehörten doch die Ursa­chen seit Beginn ihrer bewussten Wahrnehmung zu ihrem Leben, wie die Luft zum atmen. Außerdem gibt es Mitleid umsonst, den Neid jedoch muss man sich hart erarbeiten. Und dieses Erleben, das Arbeiten, die fremdbestimmte Prostitution begann im Alter von 4 Jahren. Marie erinnert sich genau und leidet darunter das ihr Erinnerungsvermögen erst im Alter von 4 Jahren begann. Die Jahre davor und den Beginn ihrer Lebenslüge kennt Sie nur aus Erzählungen. Wenn Sie daran denkt verzerrt sich ihr Lächeln. Marie hat sich oft gefragt ob dieses Gesicht der Ausdruck ihres maßlosen Zynismus ist, oder menschgewordene Leidensfähigkeit zur Ursache hat. Letzteres dürfte eine der Ursachen dafür gewe­sen sein, das Marie ihren Wunsch nicht männlich zu sein, für die Bestrafung in ihrem Elternhaus verantwortlich machte. Die Be­strafung, das war Alkohol, häusliche Gewalt und der inzestöse Missbrauch. Da dies üblich war, hielt sie es für normal, galten die Eltern doch als gutbürgerlich und wurden freundlich hofiert.
Geboren wurde Sie 1957 im erzkatholischen Ostwestfalen. Der Kreißsaal befand sich in einem der damals durchaus üblichen kleinen Dorfkrankenhäuser. Da die katholische Kirche diese Krankenanstalt betrieb, waren es Nonnen welche dort das Zepter schwangen. Bei den Geburten war in der Regel einer der zwei Dorfärzte zu gegen.
Vor diesem Hintergrund muss Mariechens Geburt den an der Niederkunft Beteiligten das Entsetzen in die Augen getrieben ha­ben. Ein Kind des Teufels hielten Sie nach der Entbindung in den Händen. Ein intersexuelles Kind, ein Hermaphrodit ist aus der Hölle, in die heile Welt der katholischen Provinz gekommen. Auf den ersten Blick zumindest vollständig mit den sekundären Merkmalen beider Geschlechter versehen. Da Sie nach der Geburt organisch nicht eindeutig zu klassifizieren war, beschloss man den leichtesten Weg zu gehen. Marie wurde zugenäht und was blieb war ein entstellter und verstümmelter Körper. Diesem wurde als dritten Sohn eine männliche Sozialisierung zugedacht. Die Ironie daran war, das Maries Erzeuger sich immer eine Tochter gewünscht hatte. So wurde sie denn Rudi genannt und ging ab dem 4'ten Lebensjahr in die Üblichkeit des elterlichen Fegefeuers.
Ob es gereinigt hat ?, gewiss nicht. Aber es hat geprägt, als erstes ein resistentes, schlechtes Gewissen. Dann die Angst etwas falsch zu machen und Schuld zu sein. Da die vermeintliche Strafe nach normalen Maßstäben nicht mehr zu steigern war, hat es auch ignorant, bösartig und verschlagen gemacht. Alles Dinge von de­nen ein kleines Mädchen, das nicht mit Puppen und Mädchen spielen darf, träumt. Marie kannte zwei unterschiedliche Wochen­phasen, die Werktage und das Wochenende. Die Wochen­enden waren gefürchtet, die Wochentage brutal.
Wenn Marie bei anderen Kindern zu Besuch war, kam der Neid. Die hatten immer so ein ruhiges, gewaltfreies Elternhaus. Kein Schreien, keine Prügel für die älteren Geschwister oder die Mut­ter. In den Arm genommen wurden die anderen Kinder auch. Nein, sie war nicht neidisch, sie begann Missgünstig zu werden.
Ihr Vater liebte sie auch, nur anders. Das machte er immer am Sonntag, gegen 9 Uhr. Dann holte er sie aus dem Kinderzimmer, in das Ehebett, mit Papa kuscheln. Die Mutter, Sie hat immer nur zugesehen. Auch in ihrem Ehebett, Sonntag morgens, sie drängte sich immer an den Rand, dem Geschehen abgewandt. Ganz untätig ist sie heute mit 82 Jahren allerdings nicht. In ihrer verlogenen heilen Welt unternimmt Maries Mutter alles um mit Marie, dem Schandfleck, der, die, das, dem Perversen, keinen un­mittelbaren Kontakt zuzulassen. Sie hat Angst das die Nachbarn hinter ihrem Rücken tuscheln könnten, Marie hat öffentlich über Gewalt, Alkohol und Inzest gesprochen.
Marie wollte immer eine Mutter zum liebhaben, sich kümmern. Da ist er wieder, der Neid.


Kapitel III & IV

Jammern ist nicht mein DingAm Fenster, Kapitel III & IV

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