Monday, 28. August 2006, 22:47:58
Wie im Fieber stürze ich in meine Wohnung um alles aufzuschreiben, was mir in der letzten halben Stunde durch den Kopf ging. Heute Mittag dachte ich noch daran, wie schade ich finde schon einige Tage nichts mehr geschrieben zu haben, doch die Muse wollte mich einfach nicht küssen. Wie es sich gehört passierten dann allerhand Dinge, die ich festhalten wollte, aber in dem Moment nicht aufschreiben konnte. Momentan habe ich den Eindruck, dass mein Gehirn gegen meine Schädelplatte drückt wie meine Blase nach 20 Bier. Als ich heute morgen aufstand fühlte ich mich wie von einer Dampfwalze überrollt. Doch mein guter alter Freund sollte dafür sorgen, dass der ganze Tag eine sich stetig steigernde Tragikomödie wurde. Kurz bevor ich das Ziel meiner Heimreise erreicht hatte, fühlte ich eine Veränderung im Verhalten meines Autos. Ja, ich weiß, Männer hätten wohl "gewusst" dass da was "kaputt" ist, Frauen "fühlen" dann, dass sich "was verändert" hat.
Ich nahm die nächste Abfahrt von der Autobahn und schaute nach, was passiert sein könnte. Diagnose: Nervenzusammenbruch hinten rechts. Oder in etwas stärker männlich konnotierter Sprache: Der Reif'n hatt'n Loch. Nach einem kurzen Hilferuf per Handy beschloss ich den Reifen selbst zu wechseln, da ich eh schon zu spät zur Arbeit kam. Wie es der "Zufall" wollte, regnete es in Strömen. Ich tauschte die Pumps gegen Turnschuhe, zog meine Schmuddeljacke an und begann mich ans Werk zu machen. Als ich gerade ansetzte die Radmuttern lösen zu wollen kam ein Mann daher und fragte mit aufgeplustertem Ego ob er mir helfen sollte. Das wäre ja eher ne "Männersache". Doppelmoral ist was feines. So kann ich einem solchen Typen verbal die Fresse polieren, wenn ich mal keinen Notfall habe, aber den Reifen darf er gerne wechseln. Wir alle suchen uns schliesslich aus, was wir tun.
So konnte ich nach 9 Minuten weiterfahren. 52 Minuten gespart gegenüber einem Anruf bei den gelben "Wir sind in spätestens (besser: exakt einer Minute mehr als) einer Stunde an ihrem Standort, auch wenn wir dafür 55 Minuten hinter der nächsten Ecke trödeln müssen"-Engeln. So durchweicht und unschön anzusehen stolperte ich in die Fachschaft und fragte meinen Kommilitonen: "Kennst Du das Gefühl, wenn irgendeine höhere Macht gegen Dich zu sein scheint?" "Auswendig" war die Antwort. Nach einer knackigen Kurzfassung meiner letzten 10 Desaster bekam ich wenigstens mitleidige Blicke, die auf eine seltsame Art trösteten.

Ich hechtete ins Büro und erklärte meiner Chefin ungefragt wo ich gewesen war. Diese schien amüsiert und widerholte zur besseren Übersicht noch einmal sadistisch meine letzten Pannen mit dem Auto. Ich schnappte mein Arbeitsmaterial und verzog mich wieder in die Fachschaft um dort meiner völlig sinnbefreiten Arbeit nachzugehen. Dabei wurde mir äußerst klar, was sich hinter der Kurzform "Hiwi" verbirgt. Die volle Bedeutung lautet: "
HIlfe, mir ist ist gerade klar geworden, dass ich werde anfangen müssen selbst zu arbeiten, wenn ich nicht ganz schnell eine Idee habe,
WIe ich die restlichen 15% meiner Arbeit auf eine Person verlagere, die erst 83% meiner Aufträge erledigt."

Bevor man arbeiten kann, muss zu allererst für das leibliche Wohl gesorgt werden, also ging ich mit Kommilitonen gemeinsam essen. Es gab Nicht-Gemüsestäbchen (wer meine Berichte über die Mensa gelesen hat weiß...) in Form von gebackenem Blumenkohl und Kartoffelsalat, den ein Mächen aus unserer Arbeitsgruppe abgöttisch liebt. Natürlich hatte die bereits gegessen. Das war aber wahrscheinlich nicht der Grund dafür, dass sie mir sagte ich sähe heute so "lecker" aus. Nach meinem skeptischen Blick an mir herunter fügte sie hinzu "leger". So kann man ein Landstreicheroutfit natürlich auch nennen.
Da unsere nachwachsende zukünftige Bildungselite ihre geistigen Kräfte völlig zur Konzentration auf das Wesentliche braucht, ist es den neuen Studenten nicht zuzumuten selbst zu erkennen, welche Absätze eines Textes zusammen einen Sinn ergeben und welche nicht. Daher lautet die Beschreibung meiner Arbeitsschritte: 1. Kopie des Textes von einem vorliegenden Reader machen. 2. Kopierränder, Bemerkungen, Readerseitenzahlen und Absätze, die nicht gelesen werden sollen wegschneiden. 3. Mit den übrigen Teilen schöne Seiten puzzlen und kopieren. 4. Neue Seitenzahl draufkleben 5. Nochmal mit Seitenzahl kopieren. 6. Den kompletten einseitigen Reader nochmal benutzen um einen zweiseitigen zu erstellen. Inmitten einem unglaublichen Stapel Papier versuchte ich seelenruhig zu arbeiten. Wer würde sich schon verleiten lassen hektisch zu werden, nur weil noch 50 andere Quellen zu beschaffen und 2 Literaturlisten zu schreiben wären?
Ich druckte große Zahlen aus und schnitt alle einzeln aus. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich die Gegenwart von Freund Murphy nur geahnt, doch nun sollte er sich grinsend über meinen Schreibtisch erheben. Bei dem Versuch sie so zu legen, dass ich sie schnell finden würde, fegte ein einziger Atemzug 150 Seitenzahlen wie tanzende Schneeflocken durcheinander. Ich konzentrierte mich und suchte eine nach der anderen heraus. Hatte ich die passende gefunden, musste ich sie nur noch überreden, an der Kopie statt an meinen Fingern kleben zu bleiben. Um nicht ewig zu suchen legte ich drei Seiten beiseite, deren Zahlen sich hartnäckig versteckten und schrieb sicherheitshalber die gesuchten Zahlen darauf. Bei Seite 101 schlug er nochmal zu: Ich hatte mir die Mitte an der unteren Kante ausgesucht um meine Zahlen zu kleben und genau dort klaffte nun ein Loch, wo eine alte Seitenzahl ausgeschnitten worden war. Ich klebte einen Streifen Papier hinter das Loch und grinste in mich hinein. Der Punkt ging an mich, doch mein alter Freund hatte noch ein As im Ärmel.

Als ich alle Zahlen geklebt hatte fehlte immernoch eine 28. Ich amputierte die 128, die ich nicht brauchte und löste das scheinbare Problem. Die Durchsicht brachte ans Licht, dass ich nun ZWEI Seiten 28 hatte. Während ich kurz vorm Zusammenbruch war, lachte sich Murphy ins Fäustchen. Doch nicht mit mir! Dachte ich und beschloss dieses Problem einfach zu ignorieren. Schliesslich steckte die Seitenzahl mittendrin und jede Handarbeit benötigt einen Fehler, lernte ich von meiner Großmutter. Enttäuscht zog Murphy ab und suchte sich ein anderes Opfer. Aus dem gegenüberliegenden Büro donnerte schon bald die Stimme unserer lautstarken Sekretärin: "Verdammt, ich hab meine Stempelkarte verlegt". Während Britta (Name geändert - Anm. d. Red.) noch in ihrem Büro gefangen war, weil ihre Gefängnis-Frei-Karte nicht aufzufinden war, begab ich mich daran die letzten Kopien anzufertigen und das Inhaltsverzeichnis zu schreiben.
Meine Schlacht war gewonnen, jedoch nicht der Krieg! Ich hörte "ihn" schallend lachen, als ich feststellte, dass ich einen der Texte falsch eingeordnet hatte, obwohl ich das dreimal kontrolliert hatte. Ich schnappte mir Schere und Tesafilm und Schnitt 30 Nummern wieder aus um 30 andere damit zu überkleben. Doch selbst das brachte mir keinen Sieg ein. Beim erneuten kopieren versagte der Einzug des Kopierers und ich musste jedes Blatt einzeln auflegen. So viel Durchhaltevermögen machte sich dann aber doch bezahlt und ich legte ein gebundenes, glänzendes, kleines Meisterwerk auf den Schreibtisch meiner Chefin, bevor ich als letzte das Gebäude verließ.