Aufstieg und Fall Europas
Monday, June 4, 2012 10:10:49 AM
Unter anderen Umständen würde ich gerne reisen. Wieviel habe ich von Europa noch nicht gesehen? Nie stand ich auf der Brücke von Buda nach Pest, nie auf der Spanischen Treppe, um den Frauen, die sie hinauf steigen, in den Ausschnitt zu schauen, nie auf dem Achterdeck der “Goldenen Hirschkuh”, nie vor der Mona Lisa im Louvre. Dabei bräuchte ich von den Vulkanen Islands bis zu den Bergen Kurdistans und von den Küsten des Schwarzen Meeres bis zu denen der Hundemenschen-Inseln keinen Reisepass und keine Visa, nur einen Personalausweis. Ich könnte auf mein hypothetisches Guthaben von jedem Geldautomaten aus zugreifen und mein Mobiltelefon würde sich in jedem Land in ein Netz einloggen.
In diesem Raum leben bei weitem mehr Menschen als in den USA oder Russland, werden mehr Güter hergestellt und umgeschlagen als in beiden Ländern und gibt es mehr Wohlstand als dort. Ich zögere auch keinen Augenblick, für meine amerikanischen Leser hinzuzufügen, dass dieses Europa die Heimat von Diane Kruger, Penelope Cruz, Kirsten Dunst, Antonio Banderas und Sandra Bullock ist und manche unserer Einwanderer ausehen wie Salma Pinault. Und die Sklaverei wurde nicht 1863 abgeschafft, sondern bereits 1794, in Grossbritannien 1833.
Aber so ideal das alles klingt, so weit ist Europa vom Ideal auch entfernt. Gerade in diesem Augenblick wird es vom politischen Extremismus in Griechenland und Ungarn bedroht, von der politischen und wirtschaftlichen Instabilität von Italien, Griechenland und Belgien, von der Arroganz der Mächtigen, der Gier gewisser Investmentbanker und dem Verlust an Kaufkraft der breiten Masse. Die grösste Bedrohung aber ist der Mangel an Europäern. Fast alle Bewohner dieses geografischen Raumes fühlen sich nicht als Europäer, sondern immer noch als Angehörige einer Nation, als Dänen etwa, als Tschechen oder Portugiesen, als Venezianer oder Sizilianer.
In dieser Situation bleibt uns eigentlich nur, auf die Weisheit des alten Amerika zurück zu greifen. Wir sollten George W. Bush fragen, jenen herausragenden Denker, der die USA in zwei Amtszeiten führte, den Befreier des Iraks und Afghanistans - und dann das genaue Gegenteil von dem tun, was er uns als Lösung unserer Probleme empfiehlt. Die Autoren des I Ging, deren Beziehungen zu amerikanischen Konzernen weniger klar sind als die seinen, raten im Bild 16 zum Enthusiasmus und dazu Helfer zu installieren und in Gemeinschaft aktiv zu werden.
Enthusiasmus liegt den meisten Menschen im Hinblick auf die Situation in Griechenland denkbar fern. Der Gedanke, diesen Staat aus der Eurozone auszuschliessen, ist der Versuch, einem neuen Problem nicht mit einer neuen Lösung zu begegnen, sondern das Problem so zu definieren, dass die alten Lösungen wieder passen. In der Theorie ist das nicht einmal ein schlechter Plan, berücksichtigt er doch die Beschränkungen, die die Kreativität und Anpassungsfähigkeit von Politiker in aller Regel haben.
Praktisch gibt es jedoch keine Möglichkeit, die Griechen davon zu überzeugen, dass sie ihre im Wert steigenden Euros rausrücken und sich dafür fast wertlose Drachmen oder “G-Euros” andrehen lassen. Sollte das aber nicht gelingen, bricht die Wirtschaft verhältnismässig schnell völlig zusammen, weil die Hellenen das neue Geld nur verwenden werden, um ihre Steuern zu bezahlen, oder für einen Zweck, bei dem die Banknoten am Ende in die Kanalisation gelangt.
Einige Menschen werden daraus ihren Vorteil ziehen, und es sind kaum die, die in den letzten beiden Jahren bereits 25% ihres Einkommens eingebüsst haben. Am Ende kann eine Diktatur stehen, das wäre nicht ganz ohne Beispiel. Aber es könnte ebenso ein Zerfall Griechenlands und vielleicht auch Italiens zu einem Konglomerat von Staaten sein, grösseren und kleineren, an deren Spitze Menschen ständen, die ihre Macht auf eine Kombination aus der Zustimmung eines Teiles der Bevölkerung, Geld und Feuerkraft stützten, nicht unbedingt die nettesten Menschen. 










