Samstag nachmittag in meiner Strasse, eine Zeitschleife, so vorhersehbar wie eine Episode vom “A-Team”. Der pensionierte Direktor sieht sich mit voll aufgedrehtem Ton ein Fussballspiel an. Der Küster bereitet hinter seinem Haus Salat zu und plant seine nächsten Operationen gegen die Ratte. Die Ratte sitzt derweil unter seiner Treppe und plant ihre Gegenzüge. Auf der anderen Strasse zieht mal wieder ein junges Paar ein. Ich säge einen Ast vom Baum in meinem Vorgarten.
Dabei entwerfe meine eigene Version der Geschichte König Davids. Hier trage ich Farbe auf, gerne auch mal ein wenig mehr, dort schabe ich die Propaganda ab, die emsige Apologeten des Königs aufgetragen haben. Früher wurde gerne aus diesem Buch der Bibel gepredigt: “Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Behlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig... und schön gestaltet” (
Kapitel 16, Vers 18) beschreibt der namenlose Erzähler den späteren König.

Von Davids Ehrgeiz ist da nicht die Rede, aber er ist ganz sicher nicht zu wenig ehrgeizig und gierig, einer der nach oben will. Hatte er am Hof König Sauls die gleichen Aufgaben, die ein Baccha Baazi hat, ein Junge, der als Musiker und Tänzer und auf andere Art einem Herrn in Afghanistan dient? Wir wissen aus seiner Begegnung mit den Priestern von Nob (
21.5), dass damals Verkehr mit einer Frau einen Mann unrein machte. Der ehrgeizige Ephebe schliesst bald mit Jonathan, einem von Sauls Söhnen, “einen Bund, denn er (Jonathan) hatte ihn lieb wie sein eigenes Herz.” (
18.3) Dieser Jonathan ist David von “Herzen zugetan” und hat ihn erkoren, zu seiner und seiner Mutter, die ihn geboren hat, Schande, wie es Saul recht explizit ausdrückt. (
20.30). Das klingt genau nach dem richtigen Stoff für die Sonntagsschule der Southern Baptists.
War Saul auf seinen Sohn
eifersüchtig? David zeichnet sich im Folgenden in den Kriegen gegen die Philister aus, ein Volk, mit dem die Juden ein ambivalentes Verhältnis hatten, das an das zwischen Latinern und Etruskern in den Tagen des
Macstra Servius Tullius erinnert. Das erwirbt ihm die Zuneigung des Volkes, eine weitere Stufe auf dem Weg nach oben und in die Seiten des Geschichtsbuches. Jonathan strebt für seinen Gefährten nun die Ehe mit einer seiner Schwestern an, um dessen Position am kleinen Hof des Saul zu untermauern, des aufstrebenden, ersten Königs eines kleinen, streitbaren Völkchens und seiner Ziegen und Schafe.
Nach einigen Umständen gelingt es Jonathan auch, David mit einer seiner Schwestern zu verheiraten. Saul aber ist mit dieser Situation immer weniger zufrieden, sei es wegen der Bedrohung seiner eigenen Machtposition oder der amourösen Verwicklungen wegen, die sich nun ergeben haben. Daher muss David nach einiger Zeit fliehen und schlägt eine Laufbahn als Guerrillero, Bandit und Söldner ein. Der Erzähler seiner Geschichte beschreibt seine Flucht wie folgt: “Als nun die Boten kamen, siehe, da lag das Götzenbild im Bett und das Geflecht von Ziegenhaaren zu seinen Häupten.” (
19.16) Hier ist vom Bilderverbot moderner Monotheisten noch nicht die Rede, und der Umgang mit den Devotionalien ein wenig leger.
Überhaupt sind wir in der Eisenzeit noch weit von allen Klischees über die Juden entfernt. Es gibt
Propheten und
nekromantische Schamaninnen, Juden, die auf der Seite der Philister kämpfen, Edomiter und Hethiter, die für das Königreich Juda kämpfen, und eine mit Hingabe betriebene Vielweiberei.
Eine andere Gruppe, die im 1. Buch Samuel angeführt wird, sind die Amalekiter, eher eine Räuberbande oder ein Kriegerbund als ein Volk oder ein Stamm. Sie schlagend und sich seine beiden Frauen zurück erobernd, die sie entführt hatten, qualifiziert sich David einmal mehr für die Krone, die ihm nach dem Tod Sauls und seiner Söhne umgehend angeboten wird und die er dann auch mit allen Zeichen von Trauer über Jonathans Tod annimmt. Er wird sie zu seinen Lebzeiten nicht wieder hergeben und seinem Sohn Salomon vermachen, dessen Mutter er heiratet, nachdem er dafür gesorgt hat, dass ihr erster Ehemann stirbt.
Sieht man die Bibel (auch) als einen historischen Text, ist das 1. Buch Samuel ein Blick direkt in die Eisenzeit, sitzt man mit Saul und seinen Söhnen zu Tisch, an einem Königshof, der noch vor allem Bauernhof ist, gibt es Parallelen zum Leben, das Homer beschreibt, das die Fresken der Etrusker zeigen. Sieht man sie aber als das unverfälschte und zu glaubende Wort Gottes, stellt dieses Buch ein theologisches Problem dar.
Denn König David, dem spätere Autoren der Bibel eine Verwandtschaft mit Jesus unterstellen, hat einige Eigenschaften, die ihn heute für eine Einrichtung ausgangsbeschränkter Resozialisierung (früher auch: Zuchthaus) oder/und eine Reality-Show qualifizieren würden. Er ist ehrgeizig, verschlagen und bisexuell, zögert keinen Augenblick, selbst einen Priester zu belügen, oder Gewalt anzuwenden und lässt über seine Loyalitäten gerne mit sich reden.
Das nötigt uns zur Frage, wie so einer
Gottes auserwählter König sein kann. In der klar sortierten Theologie der Fundamentalisten ist die Geschichte Davids, des Königs der Juden, ein Piece de Resistance.
Der Ast ist ab, endlich kommt wieder Licht in den Vorgarten.