Die Pineas Diaries

The names have been changed to protect the innocent… As if there would be something like an innocent.

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Posts tagged with "aristoteles"

Cruising MindSpace

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Das Weltbild, das Scarlett Thomas in “Troposphere” entwirft, ist bis zum Exzess anthropozentrisch. Waren wir einst Geschöpfe Gottes und dann Teil einer durch Evolution entstandenen Welt, sind wir bei ihr selbst die Schöpfer der Welt, sind es wenigstens einige von uns, geniale Wissenschaftler wie Einstein. Begabt mit der Fähigkeit, in der Sprache der Schöpfung zu denken, lassen sie die Welt entstehen, ändern sie die Regeln der Physik, definieren Materie und Energie als Materie und Energie mit bestimmten Eigenschaften.

Die Welt war also eine Scheibe, die auf einem Ozean aus Hühnersuppe schwamm, bis Aristoteles wissenschaftlich belegte, dass sie eine Kugel sein müsse und Raum und Zeit krümmen sich erst, seit Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie 1915 vorgelegt hat. Arthur Eddington hätte also bei einer Sonnenfinsternis vor diesem Jahr nur eine Lichtablenkung messen können, die der Theorie Newtons entsprochen hätte, dafür wäre vielleicht eine grössere Geschwindigkeit als die des Lichtes möglich gewesen, hatte Herr Einstein sie doch mathematisch noch nicht ausgeschlossen. So können wir auch nicht sicher sein, wie die Welt ausgesehen hatte, bevor der deutsche Entdecker Artur Schopenhauer sie nach 1816 in der uns heute bekannten Form kartographierte.

Scarlett Thomas’ Buch leidet ein wenig unter der Darstellung der Beziehungen der Protagonistin Ariel Manto zu ihren Sexualpartnern, die nicht wirklich überzeugend sind, und am geringen Verständnis der Autorin für Religion und Mythologie. An ihre Stelle setzt sie die Quantenphysik, die sich aber tatsächlich in ihrem heutigen Zustand (und in ihrer Darstellung) nur für ihre eingeweihtesten Adepten von einer Form der Theologie und/oder Metaphysik unterscheiden lässt. Umgekehrt lässt sich die Beschreibung, die Gjellerup in seinem Text über die Upanischaden über Brahman gibt, den grossen, alles umfassenden, alles durchdringenden Geist, ebenso leicht in den Begriffen von Theologie und Philosophie wie in denen von Energie und Wellen erklären.

Die Reise durch den MindSpace, die namengebende Troposphere, ist eine Reise durch Raum und Zeit, durch eine von der individuellen Vorstellung geschaffene Metapher, die die Innenwelten von Menschen, Mäusen und Katzen verbindet, die wahren Welten, die sich so sehr von der durch unsere Vorstellung gefilterten Aussenwelt unterscheiden, dass die meisten von uns ihr Leben in einem Krieg zwischen innerer und äusserer Welt verbringen. Am Ende will Ariel Manto diesen Kosmos nicht mehr verlassen und stirbt in der physischen Welt.

Rinnstein-Theoretiker

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Während ich den Rinnstein bei uns kehrte, arbeitete ich an meiner Theorie, was in unserer Gesellschaft die Unterschicht von der unteren Mittelschicht trenne. Kein einfaches Unterfangen, kaufen doch alle bei KiK und Aldi und beziehen oft genug die gleichen Sozialleistungen. Ich habe schon einige Punkte zusammengetragen, die zwar irgendwie auf der Hand zu liegen scheinen, allerdings alle den Nachteil haben, nicht quantifizierbar zu sein. Das Bemühen, sich so auszudrücken, dass man verstanden wird, gehört dazu ebenfalls wie die Fähigkeiten, mit Messer und Gabel zu essen und alle Informationen über sein Sexualleben für sich zu behalten, sofern nicht sehr besondere Umstände zutreffen.

Ein weiterer Punkt ist die Fähigkeit, häusliche Streitigkeiten dem Worte gemäss im Haus auszutragen. Daran gebricht es den Nachbarn gegenüber allerdings so gänzlich. Madame erklärte, während sie im Hauseingang stand und ich in ihrem Blickfeld Blätter zusammenfegte, ihrer Tochter in aller Ausführlichkeit, was sie über sie dächte. Ich habe ein sozusagen fast berufliches Interesse an solchen Vorträgen, ihrer Dramaturgie und ihrem Informationsgehalt. In dieser speziellen Rede ging es im Wesentlichen, wohl ohne dass es Madame bewusst war, darum, dass ihre Tochter kein Kind mehr war. Diese neu erworbene Eigenschaft äusserte sich zum einen darin, dass sie die Bedeutung eines aufgeräumten Zimmers als Untereinheit des Sinns des Lebens negierte, zum anderen daran, dass sie keine Zeit mehr hatte, mit ihrer Mutter abends auf dem Sofa zu kuscheln, weil sie sich mit ihrer Schulfreundin austauschen musste, einer jungen Dame mit einem jener Namen, die Aussenstehende spontan mit der Unterschicht verbinden.

Dann gab es natürlich noch jenes Thema, dem alle Menschen ein solches Interesse entgegen bringen. Hier wand die Tochter dann endlich ein, mit Jungs sei noch nichts gelaufen. Diesem Punkt war ihre Mutter bereit zuzustimmen, nicht ohne ihn sofort einzuschränken. Nur weil in der Schule für besondere Kinder, die das Fräulein Tochter besuche, stets Aufsicht sei, nur deshalb, habe die junge Dame sich von ihren Hormonen noch nicht übermannen lassen können. Mir schien diese Logik ein wenig wackelig und doch mehr auf Rechthaberei als auf den gesunden Menschenverstand gestützt, irgendwie un-aristotelisch.