Skip navigation.

Die Pineas Diaries

Ich bin alt, ich bin fett, ich bin depressiv... aber sonst gehts mir gut

Posts tagged with "sexsucht"

Metro-Ticket

, , , ...

Mein Vater sprach oft von einem Film, den er einmal gesehen hatte. Darin erledigte eine bunt zusammengewürfelte Gruppe einen gefährlichen Auftrag. Einer von ihnen begründete einen Zustand vorübergehender Unsterblichkeit damit, dass er ein noch nicht verwendetes Ticket der Pariser Metro in der Tasche habe. Niemals könne er sterben, bevor er diesen Fahrschein benutzt habe. Er hatte am Ende zwar unrecht, war bis dahin aber verhältnismässig glücklich gewesen.

Jeden Samstag morgen informiert mich Paula in aller Ausführlichkeit, zu der sie fähig ist, über meine charakterlichen und persönlichen Defizite und mein langjähriges, wahrscheinlich sogar lebenslanges Fehlverhalten. Ein paar Mal hat sie mir so überzeugend erklärt, dass sie sich an meiner Stelle umbringen würde - ich glaube, sie propagierte das Aufhängen - dass ich es für einen Moment in Erwägung zog.

Sofern man nicht zu den gefestigteren Charakteren gehört, die die buddhistische Aufforderung, das Klatschen einer Hand zu hören, als Aufforderung zur Ohrfeige verstehen, sollte man ein Haustier haben, einen stattlichen, aber etwas trägen Kater mit Defiziten in sozialer Kompetenz etwa, und ein Hobby, vielleicht das Bloggen. Denn man kann sich nicht umbringen, wenn man die Verantwortung für jemanden hat, dessen einziger Freund man ist wie er meiner, und noch zwei halb-fertige Blog-Einträge und einen Entwurf für ein kurzes Essay über die pluralistische Gesellschaft.


Der Metro-Fahrschein in meiner Tasche ist abgestempelt, aber ich bin es noch lange nicht.

Ein ungezogenes Universum

, , , ...

Heute behandeln mich die beiden Damen, Karen und ihre Busenfreundin, wieder normal. Wahrscheinlich habe ich also etwas auf mich bezogen, was nicht auf mich gezielt war, oder es wichtiger genommen, als es eigentlich war. Das Universum hat an den meisten Tagen besseres zu tun, als sich auf mich allein zu konzentrieren.

Ich finde das ziemlich ungezogen vom Universum.

Norah Jones und Kaninchen mit Uzis

, , , ...

Ich höre schon seit einer halben Stunde Wells zu, wie er einem Monteur am Telefon erklärt, wie er eine bestimmte Elektronik "parametriert". Die Chancen, dass ich verstehe, was er erklärt, sind herzlich klein. Wie dem Kunden wäre auch mir mit dem Preiswert-Standard-Modell besser gedient. Quadratisch, praktisch, grün, 12 Klemmen, zwei Jumper, ein Aufsteck-Modul.

Eine Steuerung, die ein Display und eine Anleitung im Hardcover hat, wirkt auf mich wie ein einsachtzig grosses Karnickel mit einer Uzi. In beiden Fällen habe ich ein dringendes Bedürfnis, woanders zu sein.

Aber das habe ich aber auch, wenn ich unsere Kontoauszüge lese, in diesem Fall dann ganz stark verbunden mit dem Gefühl, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Gilt bei Kunden auch, dass der, der mir die Frage stellt, welchen Fehler er denn gemacht habe, meist keinen begangen hat, ist es in diesem Fall wohl anders.

Vor ein paar Tagen hatte ich zwischen Regalen, aus denen mich hundertfach glückliche Katzen wie bedröhnt von Dosenetiketten anstarrten, ein Dejavu. Da war es wieder, das Gefühl, nicht Herr meines eigenen Lebens zu sein, die drohende Pleite, die Aussicht auf 3-Zimmer-Küche-Bad mit Paula und sechs Katzen, der Song von Norah Jones, die Aufforderung, der ich so gerne nachkäme...


(Lautsprecher andrehen, aufs Bild klicken, geniessen)

Mein chinesisches Sternzeichen ist der Hase, ich bin der letzte Spross einer Familie, in der man wusste, dass Helden keine Erben haben. Helden sind üblicherweise vor allem einmal tot, etwas, das bekanntlich nicht verjährt. Derweil wird ihre Verlobte von jemandem getröstet, der sich nicht zum Helden berufen fühlte, der ausrückte, als es heldenhaft wurde.

Ich arbeite gerade an einer Inhaltsangabe von Ernst Penzoldts "Die Powenzbande". Er gab seinem Buch den Untertitel "Zoologie einer Familie", ich würde es eine Argumentation für den gesunden Menschenverstand nennen, für das Leben, das Herrn Baltus Powenz so schätzt, während er die Existenz an sich doch so grauenvoll findet. Am Ende, das Ernst Penzoldt an den Anfang stellt, wird er von einem Meteor erschlagen. Voll der Pietät umgeben seine trauernden Söhne dann den Meteor mit einem Holzzaun... und nehmen Eintritt für seine Besichtigung. Dass es keine aktuelle Ausgabe dieses Buches gibt, spricht gegen unsere Zeiten.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die Verkaufszahlen von Karl Mays Büchern vor Kriegen stets sinken. Der Mensch muss erst vergessen, dass der Andere auch Mensch ist, um ihn umbringen zu können. Es schiesst sich besser auf Turbanträger, wenn man nicht in jedem von ihnen einen Enkel von Hadschi Halef Omar ben Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud Al Gossareh sieht. Der Mensch ist dem Menschen Mensch, also meistens wurscht.

Der Kunde hat eben aufgelegt, wahrscheinlich immer noch so unwissend und überfordert wie er es am Anfang des Gespräches war.

Jenseits der Dark Zone

, , , ...

Inspiririert von den Gesässbacken einer jungen Dame im Drogeriemarkt, die sich vorbeugte, um etwas aus dem untersten Regal zu nehmen, dachte ich über sexuelle Bedürfnisse nach. Ich habe welche. Manchmal.

Ich verheimliche sie nur. Aber wenn ich versuche, das zu tun, ist es nur eine Selbsttäuschung, denn jeder andere weiss es ja schon oder hat es mir vorurteilsfrei unterstellt. Wahrscheinlich bin auch nur ich überrascht, welche Reize mich da beflügeln, wessen Reize.

Meine Sucht war der Korken auf der Flasche meiner persönlichen Entwicklung, eine Art düster-erregendes Parallel-Universum. Normale Bedürfnisse zu haben ist da schon ein wenig ...ungewohnt.

Darüber zu reden ist es auch. Ich habe früher die Frauen nicht verstanden, die abends in der Tankstelle, eine Flasche Korn und ein Päckchen Kondome kauften und dem Kassierer (moi) andeuteten, heute sei ihr "Mann fällig."

Ich verstehe sie jetzt auch nicht. Warum haben sie mir das erzählt?

Bury Bill at 29 Palms, CA

, , , ...

Den Film Twentynine Palms von Bruno Dumont sollte man dreimal sehen. Einmal ganz normal, anderthalb Stunden Dialoge zwischen Katia und David, heftigem Sex und Landschaftsaufnahmen aus Kalifornien, dann ihn im Kopf noch einmal abspielen, um zu sehen, ob es Hinweise in ihren Gesprächen, Handlungen, Bewegungen gab, die das gewalttätige Ende erklären könnten. Im Schnell-Durchlauf kann man sich dann noch einmal die explizitesten Stellen ansehen, bevor man sich wieder einem sozial akzeptierten Familien-Film wie „Kill Bill“ zuwendet.

Mann liebt Frau. Frau verlässt Mann. Mann versucht, Frau zu töten. Frau tötet Mann (und wo sie schon im Schwung ist, auch all seine Freunde.) Von den Waffen abgesehen unterscheidet sich das nicht wirklich besonders von gängigen Beziehungen. Die, die sich oben am Schwimmbad abends im Winter treffen, könnten Geschichten erzählen. Sie haben es schon getan und zwar ihren Ehepartnern. Was ist das für eine Welt, in der jemand vom Klo aus Anweisungen an seinen Partner schreien kann, ohne vom Blitz erschlagen zu werden? Für mich gibt ein solches Verhalten dem Begriff „pervers“ eine neue Bedeutung. Eine, die mir nicht gefällt, eine, die David Carradine zur Keuschheit hätte bekehren können.

Wo war er auf seinem Weg zwischen Sex-Sucht und Erkenntnis? Nicht dort, wo ihn das hingerissene Publikum vermutet, denke ich. Sonst wäre er im Hinterzimmer eines Clubs in Gesellschaft zweier extrem junger Mädchen, eines Zwergs und eines Esels gefunden worden und nicht allein bei diesem speziellen Spiel. An Gelegenheit hat es ihm in Bangkok sicher nicht gefehlt. Perverser Sex ist dort etwa so schwierig zu finden wie ein Döner in Frankfurt.

Alle gehen sie hin, die Helden meiner Jugend – Zelazny, Farmer, Paco Ignacio Taibo, der Glaube, Anarchismus sei möglich. Auch die Reihen der Schurken haben sich gelichtet. Graf Lambsdorf lebt noch, um das Ende jenes Primats der Wirtschaft über alle anderen Bereiche der Gesellschaft zu sehen, das er immer gepredigthatte. Es wäre ihm gegönnt, hätte er all seine Aktien bei Madoff angelegt. Schliesslich war er damals ehrlich davon überzeugt gewesen, dass das der richtige Weg sei, um die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen, einen Aufschwung zu erzeugen und ganz nebenbei seinen Freunden aus der Wirtschaft die Taschen zu füllen. Eines dieser Ziele wurde so übrigens tatsächlich erreicht.