Friday, 20. November 2009, 11:32:16
Ich bin kein Theologe und in Philosophie auch noch nicht so bewandert. Die Diskussion: "Ist der Gott des Alten Testamentes, der Kindermörder und Völkermörder, der selbe wie im Neuen Testament?" beschäftigt zuweilen auch die Christenheit, die radikale Atheistenheit noch mehr.
Mich würde interessieren, ob man das so sehen kann, antwortent auf diesen Vorwurf habe ich mir mal folgendes formuliert:
Vorwurf: Im Grunde genommen empfindet kein einziger Christ Völkermord als "gerecht". (...) Nun hat Gott aber - laut AT - genau dies getan. Und Christen sagen, Gott sei dennoch "gerecht". Und hier setzt bei mir die Überlegung ein... denn die Wahrheit ist ja, dass die Christen es eben NICHT selbst als "gerecht" empfinden, sondern nur glauben es wäre schon irgendwie gut und richtig gewesen was da im Namen Gottes geschah.Macht das gläubige Menschen nicht zu Heuchlern, wenn sie einerseits sagen Gott wäre "gerecht", andererseits seinen Handlungen aber nicht zustimmen können? Wie kann man denn dann aufrichtig sagen, er wäre "gerecht"?Wer aber sagt, dass er Gottes Gerechtigkeit hier tatsächlich nachempfinden und aus vollem Herzen bestätigen kann... der macht mir Angst!"Meine Gedanken dazu:Die Frage stelle ich mir auch immer wieder mal... und ich denke, dass auch der Gott des Alten Testamentes gerecht gehandelt hat und darüber hinaus auch der Selbe ist wie im Neuen Testament.
Ich denke nicht, das ich Dir Angst machen muss. Basierend auf dieser "harten Zeit" konnte überhaupt so etwas wie das heutige System entstehen. Grausam aber wahr.
ein bischen zurückgespult:
Die Welt bei Adam und Eva: Alles friedlich, alles mit Gott im Einklang.
Sündenfall (warum auch immer, andere Diskussion erstmal)
Welt ist gefallen
Chaos, Folgen von Chaos: Leid, "barbarische Unsitten": das Recht des Stärkeren: Völkermord, etc.
Gott sieht diese Situation und sucht sich ein Volk (Anfangs lediglich eine Familie) heraus, an dem er wieder etwas Stabilität in die Welt bringen will.
Später schenkt er dem Volk Israel auch Gesetze um das Chaos zu stillen. Nichtsdestotrotz befindet sich das Volk Israel noch in einer Welt, in der das Chaos herrscht und muss sich mit ihr auseinandersetzen.
Was die "barbarischen" Auswüchse betrifft:
Tod für Tod, Auge für Auge sind die noch humansten Gerechtigkeitsprinzipien der damaligen Zeit ohne irgendwie ein Gefühl der Unbefriedigtheit beim Geschädigten auszulösen, was notwendig für Stabilität ist.
(Davon abgesehen finden sich auch Beispiele für Gnade/ sog. "humanistisches Denken" im Alten Testament: David wird als Hirtenjunge zum König erwählt, David verschont Saul, Moses/das Volk Israel bekommt eine zweite Chance, Josef ist seinen Brüdern nicht nachtragend, k.a. was sonst noch.)
So kann durch die Hervorhebung, eines Volkes, das wieder in enger Beziehung zu Gott lebt, etwas wieder in der Welt wachsen, was stabile Züge annimmt. Schlichtweg utilitaristisch/pragmatisch gedacht: Ohne die Bevorzugung wäre die Welt so oder so den Bach runtergegangen bzw. es hätte noch länger Chaos gegeben.
Wie auch immer: Im Laufe der Zeit wurde dieses Gerechtigkeitsdenken zu einem Rechtfertigungsdenken, das in Arroganz und Selbstgerechtigkeit gipfelte: Der eine war Gerechter als der Andere und hatte dadurch mehr Privilegien.
Gerechtigkeit ist ein Zustand der Pflicht, keine Leistung der Freiwilligkeit. Durch das Annähern an Gerechtigkeit entstehen keine sonderlichen Privilegien. Belohnung ist maximal ein pädagogisches Prinzip, kein Anspruch.
Durch Jesus kam erst auch das Prinzip Gnade stärker in die Welt: Demut und auch "eine Meile mehr mit gehen". Die Zeit der Selbstbehauptung und Entstehung des Volkes Israel war vorüber. Nun war eine neue Phase angebrochen.
Jesus betont (um die Kontinuität zu betonen) selbst: "Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen" (Matthäus 5,17)
Was die Anklage in Bezug auf "Gerechtigkeit" betrifft:
Im Chaos gibt es keine Gerechtigkeit. Ohne Gesetz/Moral keine Verwerfung. Ich kann dem Volk Israel schlichtweg nicht vorwerfen, das es unmoralisch gehandelt hätte, da es zu seiner Zeit nicht ungerechtfertigt war ganze Völker abzuschlachten.
Gott musste im Chaos erst einmal so etwas wie Stabilität schaffen um "humaneres" Leben überhaupt entstehen lassen zu können.
Eine Ordnung ist eine Grundvoraussetzung für Frieden (vgl. auch Römer 13,1-7)
Der Wunsch des Humanismus ist, eine "humane" Gesellschaft zu schaffen, jedoch scheitert er an der Praxis: Es gibt keine überkulturell gültigen Normen und Übereinkünfte, kulturelle Prägungen, Triebe/Verlangen, etc. sitzen so tief, das sie nicht wirklich flächendeckend (was für Ordnung von Nöten ist) ohne Legtimation durchgesetzt werden können.
Es gibt keine Weltgerechtigkeit... rein materialistisch gedacht. Selbst Marx Überlegungen des Klassenkampfes sind, rein formell betrachtet, lediglich Prognosen, keine Rechtfertigungen.
Was das Scheitern betrifft, bissl übers Knie gebrochen: Lenin revoltierte gegen das zaristische System, Trotzki träumte von der flächendeckenden Humanisierung, spätestens Stalin beendete diese Träume...
Der Vorwurf, den Du formulierst, ist ein humanistisch geprägter.
Ich halte den Humanismus für eine Illusion:
Die Welt ist grausam, das Recht des Stärkeren prägt die Welt. Oder um (leicht verändert) mit Nietzsche zu fragen: Wieso sollten die Starken sich freiwillig von Ihrer Macht trennen und sich einer Sklavenmoral, der Moral der Schwächeren unterwerfen? Nicht jeder Mensch träumt von "Weltfrieden" und davon, sich gegenseitig zu respektieren. Ist Respekt ein Selbstzweck?
Sorry... aber solange das nicht gegeben ist, kann man noch so wild auf "Gerechtigkeit" pochen und es wird sich nichts verändern.
Mich würde interessieren, wie die Theologen das betrachten... welche Gedanken ich hier übernommen habe, "Dispensationalismus" habe ich schon einmal als Begriff gehört, ich denke, da habe ich ein paar Aspekte übernommen aber sonst... wie kann man das Thema oder die Frage noch angehen? Ein "ich werds eh erst später wissen" ist auch eine Möglichkeit aber ob das die Lösung immer sein kann?
(Quelle der Diskussion:
http://www.jesus.de/forum/ansicht/thread.html?ctrl%5Bpost_uid%5D=7380075 )