Wednesday, 3. May 2006, 13:57:15
Im
Dorfener Anzeiger las ich einen Artikel über eine Lesung im Fuggersaal im Wasserschloß Taufkirchen. Diese sei, so der Dorfener Anzeiger, von Besuchern nach kurzer Zeit gestört worden. Er titelt auch deswegen: "
Lieber Unterhaltung statt Sozialkritik" Weiter wird berichtet, daß die Übersetzerin Ingrid Scherf nach einer Viertelstunde dem Druck einzelner Teilnehmer nachgab und ihre Lesung beendete. Eigentlicher Anlaß bzw. Termin war die Afterwork-Party im Fuggersaal, dorthin war Frau Scherf eingeladen worden, um aus Werken von Mike Davis zu lesen, die sie selbst übersetzt hat.
Schwere Kost: Der amerikanische Autor befasst sich mit sozialkritischen Themen, Hungersnöten und Auswüchsen des Imperialismus im 19. Jahrhundert.
(..)
Weit kam Scherf nicht. Denn eine Zuhörerin warf ein: "Die Leute wollen tanzen, nicht von Hunger und Not hören."
An dieser Stelle dachte ich: "Da hat wieder einmal die geistig unangestrengte Masse den Anderen vorgeschrieben, was zu laufen hat."
Ich habe mich überzeugen lassen, daß diese Sichtweise zu einseitig ist. Auf Nachfrage bei Frau Orlob, die die Veranstaltungen im Fuggersaal koordiniert, rief mich der Organisator der Afterwork-Partys, Edi Speckmaier, an. Er erklärte mir noch ein paar Hintergründe dazu. Zu Beginn der Veranstaltung waren rund 50 bis 60 Personen anwesend. Die Referentin sei etwas trocken herübergekommen. Der Schriftsteller Mike Davis ist ein Soziologe und die Sprache auch dementsprechend fachlich geprägt. Es handelt sich also weniger um schöngeistige Literatur. Die Veranstaltung wird außer der Öffentlichkeit auch von Insassen der Forensik des Bezirkskrankenhaus Taufkirchen/Vils besucht. Die hier aufgenomenen Frauen haben sich etwas zu Schulden kommen lassen und werden nach Prüfung hier aufgenommen, wenn sie sich einer Therapie unterziehen. Diese bekommen nicht alle Ausgang und dann mit zeitlicher Beschränkung. Eine Frau z.B. hatte drei Jahre lang nicht ausgehen dürfen. Sie wollte einfach tanzen und "sich nicht soetwas Trauriges anhören". Auch war die Lesung nicht beendet sondern im Einvernehmen in einem anderen Raum fortgesetzt, wohin auch rund 20 Besucher folgten.
Die Afterworkparty gibt es schon seit über 5 Jahren. Sie wird organisiert vom Verein
Sovie (Soziale Verantwortung in Eigeninitiative e.V.). Die Veranstaltung ist gedacht als Verbindung zwischen drinnen und draußen.