Briefe aus Gatersleben: Von gefährlichem Halbwissen, Hysterie und Demagogie
Tuesday, January 31, 2012 12:05:38 PM
Ergebnisse und Auswirkungen der Visite? Lauwarme Worte. Und weiter?
Es gibt offenbar nur zwei Gründe, warum sich landespolitische Bedeutung in Sachsen-Anhalt nach Gatersleben verirrt: Es geschieht Bemerkenswertes im Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung bzw. dessen lokaler Forschungs- und Betriebsperipherie oder man rammt irgendwo den Gründerspaten in die Erde bzw. schneidet ein Band zur Eröffnung durch. Aber ein breites, schmalere überlässt man Landrat und Bürgermeistern!
Der angekündigte Abgang der BASF Plant Science-Tochter SunGene aus Gatersleben im nächsten Jahr ist derart Bemerkenswertes.
Die Krokodilstränen um 57 Arbeitsplätze, versehen mit Extra-Attributen wie „wertvoll“ und „hochqualifiziert“, breit auseinanderdriftend in den lokalen Medien, vergoß nun auch bekümmert der Landtagspräsident. Gatersleben gehört zum Wahlkreis von Detlef Gürth (CDU).
Und „Mich hat das völlig überrascht!“ ließ er sich zitieren. Das wäre schlimm (aber nicht verwunderlich!), da hätte ja jemand in verantwortungsvoller Position seit Jahren (!) die Augen vor den nackten Tatsachen verschlossen. Daher: Wer es glaubt, wird selig, Herr Gürth., Sie kennen ja Mk 16, 16.
Nun sollte dies nicht unbedingt eine Erörterung wert sein, aber der Vorgang ist ein Rückschlag für jene Landespolitiker von CDU und SPD (oh, da gab auch einmal die FDP), die in den letzten Jahren nichts unversucht ließen, Sachsen-Anhalt als Musterländle der grünen Gentechnik zu profilieren und dabei mit allen (Förder)Mitteln die private Wirtschaft zu verführen. Eine Klatsche! Aber gerade dies wäre eine spezielle Betrachtung wert …
Doch erwiesen sich für BASF Plant Science die Verwertungsbedingungen seines in den entsprechenden Forschungszweig gesteckten Kapitals langfristig als ungünstig und da man bekanntlich „scheu ist wie ein Reh“ …
Weder der gesamten Branche noch einzelnen Akteuren gelang es, Notwendigkeit, Potenzial und Unbedenklichkeit kommerzieller Verwertung gentechnisch veränderter Pflanzen für Erzeuger und Verbraucher am Agrar- und Industrie(!)standort Deutschland überzeugend zu vermitteln. BASF aber hat im Interesse seiner Aktionäre zu handeln. Und handelte konsequent! Jetzt! SunGene wird geschlossen.
Die Schuldigen dafür sind dabei scharf ausgemacht.
Glaubt man der Mitteldeutschen Zeitung in Bezug auf Herrn Gürth und Eveline Nettlau, Geschäftsführerin des Biotech-Gründerzentrums, so sind das die Leute „mit gefährlichem Halbwissen, das viele Menschen dazu führt, die Gentechnik zu verteufeln und Forschung zu vertreiben.“
Zwei Halbsätze und gleich zwei Unwahrheiten! Demagogisch herausgeblasen!
Mal ganz davon abgesehen, dass interessant wäre zu erfahren, worin sich das Gürthsche Halbwissen von „gefährlichem Halbwissen“ unterscheidet, „verteufelt“ niemand die Gentechnik (auch katholische Kleriker nicht, wenn sich ihnen hier Profit verspricht) und die Tore des oben genannten Instituts waren auch heute wieder offen. Ein Treck verbitterter Gentechniker am frostklaren Morgen oder vielleicht demnächst? Nicht in Sicht!
Nun gut, was soll's, werden Sie sagen, So long!
Aber die Lokalpresse zitiert den Landespolitiker auch wie folgt:
Als Beispiel soll er das Insulin genannt haben.Wir waren einmal die Apotheke der Welt – alle großen Medikamente zur Bekämpfung ganz schlimmer Krankheiten kamen aus Deutschland.
Das nun wieder ist nicht nur Halbwissen, das ist falsch und anmaßend zugleich. Deutsche Großmannssucht! Und hat mit dem Abgang von SunGene aus Gatersleben im Grundsatz nicht das Geringste zu tun!
Und ist einmal mehr ein demagogischer Abgesang an die deutsche Forschungslandschaft, falsch platziert und begleitet von Hysterie, denn eines steht fest: Kommerzielle grüne Gentechnik will einfach nicht zum deutschen Erfolgsmodell werden.
Aber es passt in ein Schema, welches Gentechnikgegner, vor allem jene, die sich der Thematik inhaltlich stellen, als „unvernünftig“, „irrational“ und „ideologische Grabenkämpfer“ diffamiert.
Doch immerhin haben wir ein „Forum Grüne Vernunft“. Schon Mitglied, Herr Gürth?
Bild: Kunst, Cartoon & Karikatur





