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Bewusstsein & bewusst sein

Das Weblog des Online-Magazins psychophysik.com

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Placeboeffekte in der Psychotherapie

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Klient, Therapeut und das unbekannte Dritte
Placeboeffekte in der Psychotherapie und was wirklich wirkt
Von Nadine Reiband

"Die Autorin beschäftigt sich mit der Frage, ob es Placeboeffekte in der Psychotherapie gibt", so die einleitenden Worte des Carl-Auer Verlags für ein kleines, 119 Seiten umfassendes Büchlein der Diplom-Psychologin Nadine Reiband. Was auf den ersten Blick wie ein trockenes Fachbuch über Psychotherapie-Forschung aussieht, das entpuppt sich bei näherem Hinsehen als hochgradig spannender Krimi, der nicht nur für Psychotherapeuten von Wert sein kann. Alle Berufsgruppen, welche sich in irgendeiner Form mit zielgerichteten Veränderungs-Prozessen bei Menschen auseinandersetzen, können von der Arbeit Reibands profitieren: Ärzte, Heilpraktiker, Coachs, Persönlichkeitstrainer, Therapeuten unterschiedlichster Richtung. Alle diese Berufsgruppen gehen in ihrer Arbeit davon aus, dass menschliche Veränderungsprozesse auf der Ebene von Körper, Geist und Seele durch ganz spezifische Einflussfaktoren ausgelöst werden: Durch Techniken, Präparate, Methoden, Wissensvermittlung und vieles mehr. Was aber, wenn unspezifische Einflussfaktoren wie z.B. die Erwartungshaltung des Klienten oder die Persönlichkeit des Therapeuten, Trainers oder Coachs einen viel größeren Einfluss haben, als gewöhnlich angenommen wird?

Unspezifische Einflussfaktoren bestimmen das Ergebnis
Im Rahmen einer kritischen Analyse der modernen Psychotherapie-Forschung kommt Nadine Reiband zu dem Fazit, dass nicht die spezifischen Bestandteile einer ganz bestimmten Psychotherapie den Hauptteil ihrer Wirkung ausmachen, sondern stattdessen unspezifische generelle Einflussfaktoren wie z.B. die persönliche Beziehung zwischen Therapeut und Klient, das therapeutische Ritual oder die therapeutische Situation (beispielsweise das Glaubwürdigkeit ausstrahlende Sprechzimmer mit Apparaten, Akkreditierungs-Urkunde, Couch etc.). Zu den besonders starken unspezifischen Wirkfaktoren einer Psychotherapie gehören laut Reiband die Erwartungshaltung des Klienten sowie die Persönlichkeit des Therapeuten (z.B. seine Überzeugtheit von der Richtigkeit der eigenen therapeutischen Richtung). Interessanterweise wird der Therapeutenfaktor in vielen einschlägigen Studien ignoriert und nicht neutralisiert. Als Folge dieses methodischen Fehlers kommen diese Studien zu dem falschen Ergebnis, dass spezifische "therapeutische Inhaltsstoffe", die charakteristisch sind für ein bestimmtes therapeutisches Verfahren, für den jeweiligen Erfolg verantwortlich sind. Untersuchungen wie die von Luborsky et al. (1986) und Crits-Christoph et.al (1991) zeigen laut Reiband jedoch, dass der Einfluss spezifischer therapeutischer Maßnahmen in dem Moment überraschend klein und der Einfluss der Persönlichkeit des Therapeuten eindrucksvoll groß wird, sobald der Therapeuteneffekt methodisch berücksichtigt und neutralisiert wird. Dieses Phänomen ist inzwischen als so genanntes Dodo-Bird-Verdikt bekannt, wonach Psychotherapien zwar effektiv sind, die spezifischen Merkmale einzelner therapeutischer Ansätze jedoch eine untergeordnete Rolle spielen.

Konsequenzen einer brisanten Hypothese
Da es in der wissenschaftlichen Forschung neben Erkenntnisgewinn auch um persönliche Vorlieben, Paradigmen, poltische Einflussnahme und Geld geht, sind Aussagen dieser Art selbstverständlich bei all jenen Psychotherapie-Forschern wenig willkommen, deren Arbeit so
in Frage gestellt wird. Und dass hier politisch mit harten Bandagen gekämpft wird, diesen Eindruck erweckt beispielsweise der Artikel "Perspektiven zur 'Wissenschaftlichkeit' von Psychotherapie" von Prof. Dr. Jürgen Kriz, Leiter des Fachgebiets "Psychotherapie und klinische Psychologie" an der Universität Osnabrück. Eine noch viel größere Dimension können die Ausführungen von Nadine Reiband dann bekommen, wenn man sie auf weitere Disziplinen anwendet, welche Menschen bei Veränderungs-Prozessen auf der Ebene von Körper, Seele und Geist unterstützen.

Was wäre z.B., wenn der Einfluss von Erwartungshaltung und Persönlichkeit auch beim Arztbesuch eine viel größere Rolle spielen würde, als dies bisher angenommen wird. Bei Wirksamkeitstests für pharmazeutische Präparate wird der Einfluss des Therapeuten durch randomisierte Doppelblindstudien ausgeschlossen. Die etablierten Forschungsdesigns untersuchen jedoch nicht den umgekehrten Fall, dass ein größerer (!) Komplex nichtspezifischer Einflussfaktoren einen Selbstheilungsprozess unterstützt … und zwar vollkommen unabhängig von den jeweils geschluckten Pillen. Was dieses Thema betrifft, so wird es von Nadine Reiband nur ganz kurz im Anhang erwähnt. Sie zitiert hier Studien von Levine et. al (1981, 1984), nach der z.B. die bloße Ankündigung einer effektiven Schmerzbehandlung (in Wirklichkeit wurde Kochsalzlösung injiziert) im Experiment den gleichen schmerzlindernden Effekt zeigte wie die Injektion von 6 bis 8 mg Morphin. (Siehe auch: "Glaubst Du an mich? Ich heile dich!" und Quarks & Co. über Placebos)

Fortsetzung des Beitrags auf psychophysik.com

Der Placebo-Effekt: Vom schwarzen Schaf zum geliebten Kind der Medizin

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