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Bildungswissenschaft

Bildung, Moocs und Nebenbeidings

Rassismus und Respekt (offener Brief)

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Hallo Y!
Ich habe jetzt noch einmal nachgedacht und das was mich aufregt ist der Mangel an Respekt an der X Schule. Eure Schule hat dagegen am Eingang stehen: Schule ohne Rassismus und so habe ich sie auch immer wahrgenommen, ohne natürlich zu wissen, ob das noch dem aktuellen Zustand entspricht, denn ich bin mir inzwischen sehr bewusst, wie schnell sich Situationen an Schulen radikal ändern können. Es bleibt aber auf jeden Fall deine Person an der ich mich orientieren kann, denn du hast für mich diese Haltung immer glaubwürdig verkörpert. Bereits zu Beginn meines Studiums stieß ich auf die Rassismusdefinition von Albert Memmi und sie ist für mich zu einem mächtigen Messwerkzeug geworden, das ich immer wieder auf Situationen anwende, mit denen ich konfrontiert werde.

"Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Angeklagten und zum Nachteil seines Opfers mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden können."
Albert Memmi, 1969

Den Rassismusbegriff lege ich jetzt aber erst einmal zur Seite und konzentriere mich auf den Respekt. An Schule X werden in meinen Augen gehäuft sowohl Mitarbeiter als auch Kinder ohne Respekt behandelt. Zu den Erfahrungen der Eltern als weiteren Bestandteil des Ganzen habe ich dabei leider keinen Zugang.

Was verstehe ich nun aber unter Respekt?

"Respekt (lateinisch respectus „Zurückschauen, Rücksicht, Berücksichtigung“, auch respecto „zurücksehen, berücksichtigen“) bezeichnet eine Form der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber einem anderen Lebewesen (Respektsperson) oder einer Institution. …Antonyme sind Respektlosigkeit, Missachtung und gesteigert Verachtung."
Wikipedia, 15.9.2013

Es geht dabei nicht um die individuellen Probleme einzelner, sondern um Strukturen, von denen in letzter Konsequenz alle betroffen sind. Es geht um den mangelnden Respekt als Haltung gegenüber Menschen, die von den eigenen Vorstellungen und Idealen abweichen. Wir haben eine Schulpflicht, noch dazu bei Grundschulen eine Zuteilung nach Wohnbezirken, also eine eingeschränkte Wahlmöglichkeit. Es gibt Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz nicht ohne Probleme wechseln können. Es sind Eltern betroffen, die ihre Kinder nicht problemlos an einer anderen Schule anmelden können. Daraus entsteht für eine ganze Reihe von Menschen an Schule X eine Zwangssituation, der sie sich nicht entziehen können, sondern an die sie sich auch entgegen ihren Überzeugungen und Interessen anpassen müssen, ohne über tatsächliche Einflussmöglichkeiten zu verfügen. Und wie sich die Situation letztlich auf das innere Erleben der Kinder auswirkt, kann ich dabei bisher noch am wenigsten überblicken.

Wie äußern sich nun Rassismus und Mangel an Respekt an Schule X?

Autoritäre Hierarchie:
Von den regelmäßigen Mitarbeitern im Nachmittagsbereich wird erwartet, dass sie ausführen, was an übergeordneter Stelle beschlossen wird, ohne dass die Personen die Möglichkeit einer tatsächlichen Mitbestimmung bezogen auf den sie betreffenden Bereich haben. Auf Einwände, Weigerungen oder Verbesserungsvorschläge wird mit negativen Sanktionen reagiert.
Ähnlich ergeht es den Kindern. Auch von ihnen wird erwartet, dass sie in Einteilungssystemen widerspruchslos funktionieren. Beschwerden von Seiten der Kinder werden nicht berücksichtigt, sondern Verweigerung wird bestraft. Mitarbeiter im Nachmittagsbereich sind aufgefordert diese Maßnahmen auch entgegen eigener Überzeugung an die Kinder weiterzugeben.

Ausdrucksform:
Die dabei gezeigte Haltung gegenüber den möglicherweise sehr berechtigten Interessen der Menschen ist Rücksichtslosigkeit. Dabei wird Sanktionsmacht verwendet, um Verhalten zu unterdrücken, das von den führenden Personen als für alle verbindlich festgelegt wird. Nicht negativ sanktioniert werden diejenigen, die sich ohne Widerrede anpassen und auf Einwände verzichten. Das betrifft sowohl Kinder als auch Mitarbeiter.

Dabei werden Hierarchien etabliert, die sich auch danach ausrichten wie weit die Mitarbeiter den Vorstellungsbildern über Personen entsprechen, die von den Bestimmenden als geeignet zum Umgang mit Kindern eingestuft werden. Vorstellungen von Vielfalt sind das nicht. Deutsch, das nicht fehlerfrei beherrscht wird, wirkt abstufend, ebenso Nonkonformismus oder Ranghöheren zu widersprechen.

Im Ergebnis werden Mittelschichtwerte etabliert und durchgesetzt, statt Vielfalt und das Potential Menschen unterschiedlicher Herkunft tatsächlich zu nutzen. Weiterhin wird Duckmäusertum gefördert. Für die Kinder werden Vorbilder etabliert, die weder Demokratie noch gesellschaftlicher Vielfalt entsprechen, sondern darauf ausgerichtet sind den Status Quo ante zu erhalten. Bürgerlicher Mittelstand versucht seine kulturellen Vorlieben und Werte durchzusetzen, die allerdings in der geäußerten Form einen zweifelhaften Vorbildcharakter haben, da sie auf der Verwendung von Macht und nicht den Mitteln der Überzeugung beruhen.

Macht: Die Ausstattung von Personen oder Personengruppen mit Ressourcen zur Belohnung oder Bestrafung der Interaktionspartner. (Definition nach Rössel, 2009)

Nun noch einmal zurück zu Respekt und Rassismus. Bei den etablierten Strukturen an Schule X ist ein Mangel an Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Ehrerbietung gegenüber anderen wahrzunehmen, also ein Mangel an Respekt und das auf allen Ebenen der Hierarchie. Über den Einsatz von Macht werden die Interessen der führenden Minderheitengruppe durchgesetzt, die ihre Werte als Maßstab propagiert und sich damit Vorteile gegenüber anderen Gruppen verschafft, was durchaus mit der Rassismusdefinition von Albert Memmi in Verbindung gebracht werden kann. Als Ergebnis kann bei Kindern und Mitarbeitern ein Arrangement mit den Verhältnissen stattfinden, das weder Identifikation, Teilhabe noch Motivation sondern Resignation fördert. Damit gehen der Gesellschaft wertvolle Ressourcen verloren.

Für die bestimmende Gruppe bedeutet das allerdings eine Absicherung ihrer dominanten Position und die Möglichkeit ihre Interessen unbehindert durchzusetzen. Eine solche Situation an öffentlichen Schulen kann mit einem demokratischen Verständnis kaum vereinbart werden.

Hier zeigt sich erneut wie problematisch die Vorgehensweise der Landesregierung in Bezug auf ihre neuen Ganztagsschulen ist, bei der die Gestaltung Schulleitungen überlassen wird, denen eigentlich zu wenige Geldmittel und Konzepte zur Verfügung stehen, um Schulen nach demokratischen Prinzipien mit gut ausgebildeten, qualifizierten Mitarbeitern zukunftsweisend zu gestalten. So werden ganze Bevölkerungsgruppen mit Systemen konfrontiert, in denen Menschen blockiert, unnötig gemaßregelt, respektlos behandelt oder diskriminiert werden, ohne dass die Möglichkeit zur Gegenwehr tatsächlich gegeben ist oder sogar zu negativen Folgen führen kann. Der Schaden, der den Einzelnen und der Gesellschaft dabei zugefügt wird, kann dabei nicht hoch genug angesetzt werden, denn jeder Schaden ist in diesem Fall zu viel.

Quellen:
Rössel, J. (2009). Sozialstrukturanalyse: eine kompakte Einführung. Springer, DE.
http://de.wikipedia.org/wiki/Respekt
http://www.fb4.fh-frankfurt.de/whoiswho/gaitanides/Memmi_Rassismus.pdf
http://www.lpb-bw.de/publikationen/did_reihe/band22/klein-spethn.htm


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