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Maarja Küla on tour

Das gesamte Dorf und einmal quer durch Estland. Von Montag (02. Juli) bis Sonntag (09. Juli) fuhr ganz Maarja Küla im Bus in die Ferien. Pärnu war das Ziel, ausgesucht natürlich von Jaan, der dort seine alte Heimat hat und für ihn so wichtige Lampen. :wink:
Erste Station war die Burg Helme und die Höhlen, wo ich bereits meinen Film gedreht habe (der sich in der Warteschleife befindet). Im Soomaa-Nationalpark schlugen wir unsere Zelte auf. Eigentlich gibt es in dem schönen Sumpfland (= Übersetzung von „Soomaa“) viel eindrucksvollere Flecken als einen Campingplatz, aber leider sind unsere Bewohner herzlich uninteressiert an herrlicher Natur. Dafür gab wie gewohnt Wireless Internet.
Janika hatte ich auch eingeladen und wir konnten unsere volle Ironie am „American Pie“-Päärchen Jaan (der Afghanistansoldat) und Anna-Lena austoben und in harter Lach-Konkurrenz dazu, dem belgischen Aborigini LauriSSSSSS!, der neue Freiwillige im Dorf. :smile:
Janika als erfahrene Wandererin, Soldatin, Backpackerin u.v.m fand ihren ersten Einsatz im Dorf auch bald im Helfen vom Zeltaufbau.
Tags darauf ging es nach Uulu, wo wir, 40 Leute etwa, zwei Tage an einem Privathaus im Garten campten und Exkursionen zum Strand oder in den Nationalpark machten. Am Donnerstag ging es, heiß ersehnt von Jaan, nach Pärnu.
Daraufhin fuhren wir erstmal für einen Tag zurück ins Dorf, um den Garten zu gießen und den Bewohnern eine kurze Ruhepause zu gönnen, Sauna natürlich auch.
Dann ging es wieder los, wir schauten im Herrenhaus von Hellenurme vorbei und fuhren zum nächsten Herrenhaus in Palupera, mittlerweile zu einer sehr schönen Schule umfunktioniert. Dort übernachteten wir auch. Sonntags fuhren zum Võrtsjärv. Eine Segelboottour, Seemuseum mit einer interessanten Abteilung, was da alles so vor Millionen Jahren herumschwamm – Kommentar von Huko zu einem dieser Urviecher: „A shity little bastard – but still...“ Und schon ging es wieder zurück nach Maarja Küla.
Eine nette Reise und ich war erstaunt über die Ausdauer unserer Bewohner, für die eine solche Reise eigentlich der komplette Bruch zum Alltag ist. Sie haben überhaupt nicht genörgelt – da staunt man Bauklötzer, vorallem als Nörgeleien gewöhnter Deutscher.

9 Monate bis zur Geburt

Ich hatte noch zwei Stunden vorher ein Fahrstunde und eigentlich noch Grundfehler gemacht – und dann fahr ich die Fahrprüfung ohne weiteres durch. Bestanden, ich habe jetzt den europäischen Führerschein! „Juhiluba“ steht es auf Estnisch drauf und in den EU-Sternen ist ein EST statt DD, aber ich kann überall damit fahren, auch in Deutschland und Schottland. Und das für insgesamt etwa 500€... 9 Monate hat es gedauert, alles auf Estnisch (außer der Theorie auf Englisch). Ich bin stolz.

Sonstiges

Vom 16. bis zum 17. Juli war ich wieder einmal mit Janika unterwegs, sie zeigte mir ihren Lieblingsplatz in Estland in Tudusoo. Einer richtig schöner und unberührter Sumpf, mit herrlichen Flecken und in der Mitte ein großer See mit einer Blockhütte, wo man natürlich kostenlos übernachten kann.

In der Zwischenzeit war ich auch wieder in Tallinn gewesen, vielleicht das vorerst letzte Mal und schaute mir nochmal das „Großstadt“leben an.

Einige andere Bilder der vorherigen Trips finden sich in der neuen Kategorie "Tours EST".

Noch ist mein Jahr nicht vorbei, ein Rückblick hat noch Zeit. Ich freue mich jedenfalls auf das, was noch kommt, das Leben in Estland hat immer Überraschungen bereit.
Von Donnerstag bis Sonntag geht es nämlich zum Viljandi Folkfestival! :smile:

Im Sommer tauen die Esten auf

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Der Mai war warm. Und schön. Die wohl mit Abstand von mir meistfotografierte Szenerie in Estland, der Ahja-Jõgi mit seinen Sandsteinsteilwänden und idyllischen Ufern, rückte wieder in Mittelpunkt meines Objektivs. Während ich im Winter auf dem zugefrorenen Fluss Ski laufen war, ruderte ich im Mai mit dem kleinen grünen Boot den Fluss hoch und runter im Sonnenuntergang oder im abendlichen Nebel. Und ab Juni gingen wir auch Schwimmen im erstaunlich warmen Wasser.
Zwei Höhepunkte des Frühsommers gibt es zu verzeichnen:

Rucksackreise vom 01. Juni bis 12. Juni

Es fing morgens 5 Uhr im Regen an: Anna-Lena schaffte ihre Freundin zurück zum Busbahnhof nach Tartu. Wir starteten bald darauf per Anhalter nach Pärnu, in der gewohnten Route über Viljandi, wohin uns ein litauischer Truck mitnahm. In sonnigenViljandi gab es noch, auf der Straße nach Pärnu, das überraschende Treffen mit Charles, der selbst nach Saaremaa trampte, um von dort aus direkt zu seiner Russlandreise aufzubrechen. Auf unserer gemeinsamen Saaremaa-Reise im Februar erlebten wir die einsame Strecke im tiefsten Winter, jetzt im schönsten Frühling. Gemeinsam in Pärnu angekommen machten Anna-Lena und ich uns hingegen nach Kihnu auf, eine kleine, aber eigentümliche Insel. Das Wochenende war organisiert von estnischen Ex-Freiwilligen und wir hatten auf dem usprünglich schwedisch dominierten Inselchen eine Menge Spaß und vorallem schöne Eindrücke, wie der Sommernachtssonne am Strand und Vollmond über einer steinigen Küste.

Sonntagnacht war ich Maarja Küla für wenige Stunden zurück und packte meine Sachen für die nächste Reise: geplant waren 11 Tage Lettland und Litauen. Gemeinsam mit der Freiwilligen Alexandra aus Väike-Maarja starteten wir Montag morgen in Võru. Im garantiert nicht TÜV-geprüften, zum Wohnwagen selbst umgebastelten Kleintransporter, ging es in dem kleinen Kaff Mõniste über die Grenze nach Lettland. Der Fahrer war so nett und fuhr uns bis zur Kreuzung nach Alūksne, wohin wir auch schnell mitgenommen. Alūksne als erstes Ziel bekam den Stern im Baedecker zurecht: beschaulich und ruhig, mit einem netten Schloss und der Ordensburgruine auf einer Insel.
Weiter ging es nach Bālvi, der kleinsten lettischen Stadt. Zu sehen gab es nichts, außer lettischem Kleinstadt/Großdorf – Feeling. Endstation des ersten Tages war Rēzekne, wo wir bei einer sehr netten Freiwilligen aus London unterkamen. Die Stadt selber schauten wir uns erst am nächsten Tag an, nachdem wir nochmal 50 Kilometer weiter nach Osten trampten, wo kurz vor der russischen Grenze Lūdza liegt. Ein hübsche orthodoxe Kirche und eine ansehnliche Burgruine auf einem hohen Hügel in malerischer Umgebung mit vielen Seen waren der Lohn für den Ausflug. Zurück in Rēzekne machten wir einen Stadtrundgang, der wegen nicht zu groß ausfiel: Eine Kathedrale und eine kleine Burgruine inmitten der Stadt, umschwärmt von Schülern der Kunstakademie.

Und wieder ein Kleintransporter, voller russischer Bauarbeiter, nach Daugavpils diesmal. Ganz im Kontrast zu den ärmlichen Bauarbeitern kamen wir bei einem reichen Russen mitten im Zentrum der zweigrößten Stadt Lettland unter. Ein sehr netter, wenn auch uniquer Mann, der uns bestens bekochte. Sein Apartment war ganz im „Meeresstil“ und modern eingerichtet, alles war in blau, grau, silber oder schwarz, mit allerlei Meereskitsch dazwischen. Er war Künstler, zeigte uns Atelier, was ganz nahe an der Dünaburg lag, einer großen Feste aus dem 19. Jahrhundert, deren intensive Nutzung zu Sowjetzeiten noch zu spüren war. Wir wurden gewarnt vor Daugavpils, es sei sehr gefährlich dort. Stattdessen fanden wir ein schönes Städtchen mit einer angenehmen Atmosphäre und einigen hübschen Kirchen.
200 Kilometer waren es von Daugavpils im Südosten Lettlands nach Kaunas in Litauen: in einem Ritt, natürlich im Kleintransporter, haben wir es geschafft. Kaunas selbst ist überschaubar, das Teufelsmuseum war nett. Bei Freiwilligen sind wir untergekommen und sind tags darauf nach Vilnius getrampt, der Hauptstadt mit über 50 Kirchen.
Sobald ein Land reicher wird, nehmen die Leute einen umso weniger mit: Trakai mussten wir deswegen fallen lassen und sind etwas deprimiert nach Kaunas zurück. Von dort nach Šiaulai, nahe dem Berg der Kreuze, zu kommen, war die nächste Pleite: Wir sind schließlich mit dem Bus gefahren.
Der Berg der Kreuze selber ist ein wirklich äußerst imposanter und eindrucksvoller Ort wo die Litauer Tausende Kreuze aufgestellt haben. Dort haben wir nebenan im Zelt übernachtet. Der folgende Morgen trennte unsere Wege: Alexandra ging mit Bus nach Riga, kam gegen 13:00Uhr an, ich trampte und war bereits halb elf im Zentrum – man gönne mir ein wenig Schadenfreude :wink: Ich blieb aber nicht in Riga, sondern bin direkt nach Cēsis weiter, wo ich bei einem netten Mädel, 17, unterkam, das mir auch die Stadt zeigte. Sie wohnte seit sie 12 Jahre alt war alleine, da sie in Cēsis auf das Gymnasium geht und ursprünglich aus der tiefsten Provinz stammt.
Aus zeitlichen Gründen bin ich mit dem Bus nach Sigulda gefahren. Im Gebiet des Gauja-Nationalparks gibt es die Burgen Sigulda und Turaida sowie das schöne Tal des Flusses Gauja. Es war einiges zu laufen und ich war froh, schließlich im Zug nach Riga zu sitzen, wo ich von einer Freundin des Cēsiser Mädels aufgenommen wurde und hatte ein nette Nacht am Hafen von Riga.
Das obligatorische Blackcat's House im historischen Zentrum Rigas war von der letzten Reise mit Olivia nach Lettland übrig geblieben und war schnell abgehandelt. Danach hatte ich noch einige Zeit und entschloss mich zum Strand zu hitchhiken, nach Šalgriva, wo ich mich kurz ausruhte. Der Rückweg an der überraschend leeren Via Baltica nach Pärnu und schließlich über Viljandi nach Tartu ging problemlos und bereits gegen 9 Uhr abends wurde ich auch wieder in der Stadt der guten Gedanken von einem Truck abgesetzt.

Es war eine sehr schöne Reise mit vielen spannenden Personen unterwegs und einem authentischen Eindruck vorallem Lettlands, da die östlichen Provinzen kaum touristisch ausgelegt sind und man als Tramper und Backpacker ohnehin immer im Kontakt zur lokalen Bevölkerung braucht.
Ich hatte meine Reise um zwei Tage verkürzte: Smiltene warf ich aus meinem Plan, da Aufwand und Nutzen sich nicht deckten und ich so die eingesparten beiden Tage am folgenden Wochenende in Kallaste mit Janika verbrachte.


Kallaste, Võrtsjärv, Viitna, Pikkjärv, Raadna, Hargla...

Noch Anfang Mai begannen die Kurztrips mit Janika & Freunden zu kleineren Flecken in Estland, die immer wieder schöne Motive und Momente bieten, wie sie in den großen Städten kaum zu finden sind.
Die erste Wanderung im sumpfischen Mündungsgebiet des Emajõgis am Võrtsjärv bildete den Auftakt. Nach meiner Lettland-Litauen-Reise gingen wir nach Kallaste, einem kleinem Fischerdorf am Peipsijärv, was sich seit 50 Jahren nicht mehr verändert hat. Keine einzige Reklame im Dorf. Wir zelteten am Ufer des Sees, der so breit ist, das man meint, man wäre am Meer. Die gigantischen Findlinge un ihr übriges.
Janika hat am gleichen Tage wie ich Geburtstag und wir feierten an einem See in Viitna im Norden Estlands. Am Montag darauf fand meine Party im Dorf statt.
Ein weiteres Mal nahe zum Peipsijärv, im Norden, brachte mich der Besuch von dem Häuschen, in dem Janikas Oma normalerweise wohnt. Strom, aber kein fließend Wasser und außer dem Samsung-Fernseher gab es nichts in der Einrichtung, was nicht auch schon vor 20 Jahren dort hätte stehen können. Zeitreise in der Mitte von Nirgendwo, denn vom Uferstreifen abgesehen ist das nördliche Hinterland des Peipsijärves nicht ausgesprochen russisch geprägt sondern vielmehr dünn besiedelt.

Und morgen geht es mit Dorf eine Woche quer über den Sooma-Nationalpark nach Pärnu, als eine Art Dorf-Ferien.


Sonstiges

Es sieht ganz danach aus, dass meine Zeit in Estland am 10. August endet. Mit einem kleinem Umwege über Osteuropa werde ich bestimmt am 01. September wieder in Deutschland sein.
Am 08. September gehen meine Flieger allerdings zum nächsten großen Ziel: University of Dundee, Schottland. „Geopolitics & International Relations“ werde ich dort in vier Jahren studieren und habe dann aber sogar schon den Master in der Tasche.

Ansonsten habe ich letzte Woche die Theorieprüfung bestanden und bald kommt die eigentliche Fahrprüfung. Dann hab ich endlich auch den Führerschein. Und dazwischen gibt es noch viel in Estland zu entdecken – bis zum 10. August wird mir bestimmt nicht langweilig!

Mit besten Grüßen,

euer Christian

Auf in den Frühling - Rückblick

Gut Ding braucht Weile und darum gibt es erst jetzt wieder eine längere Meldung meinerseits. Von Februar bis April liefere ich euch ein ordenliches Textchen, Bilder auch, wobei der Großteil vom April noch aussteht. Stattdessen gibt es einen Saaremaa-Nachtrag, wo jetzt meine eigenen Bilder zu finden sind und auch sonst lohnt es sich einen Blick in Bildergalerien zu werfen.



Väterchen Frost in guter Laune


Lassen wir uns schnell den Februar komprimieren, soweit er mir noch in Erinnerung ist: schön kalt und sehr sonnig zeigte er sich, zeitweise mit -26°C. Das Midterm-Training tagte im Süden in Võrumaa und brachte mit Snowboarden, obligatorischer Saunaparty etc. einige nette Momente.



Carpe noctem


In der ersten Märznacht holperten Tonio und Patrick im himmelblauen Seat mit Ersatzrad in Maarja Küla rein. Unter dem des Stern des Extrem-Sightseeing zeigte ich kurz Maarja Küla und ohne Umschweife ging es nach Tartu (Dorpat). Ganz im Sinne der „Stadt der guten Gedanken“ führte ich zwei bis drei Stündchen zwischen Klassizismus und Domruine umher und daraufhin begaben wir uns auf's „Maailm“ („Welt“)-Konzert mit einer estnisch-ukrainischen sowie einer senegalesischen Band, wo später zufälligerweise auch fast die gesamte französische Freiwilligenbande aufkreuzte. Mit administrativer und akkommondierender Unterstützung von Keiu & Freunden, erweitert um einen Amerikaner, ging es in Runde I. von „Carpe noctem“.



Fast-Food-Sightseeing

Auch wenn die Gehirne noch nicht auf Vollgas geschalten waren, der Seat musste mit zeitweise 140 1000 Meter pro 60 Minuten am Samstag nach Tallinn (Reval) donnern, da ich bis 15:00 Übungsmaterial für den IELTS-Test im British Council abgegeben haben musste. Ein kurzer Drive-In und noch schneller Drive-Out in der quadratischen Burgruine von Põltsamaa, und schließlich exakt und pünktlich in Tallinn. Das übliche Sightseeing schloss sich an, außerdem später auch Runde II. von Carpe Noctem, eine EVS-Party irgendwo in Tallinn.


Von Burgen und Zwillingsburgen

Am nächsten Morgen nahmen wir mit, was von Tallinn noch ungesehen war und zusammen mit Alexandra aus Väike Maarja zeigten die Frontlichter des Seats zunächst nach Westen. Der Wasserfall am Keila-Joa war das eigentliche Ziel, am Nachmittag erreicht. Die Kurve nach Osten nehmend, wieder an Tallinn vorbei, klapperten wir alle wichtigen im Baedecker erwähnten Ziele bis zum Lahemaa-Nationalpark ab, wo es schließlich Mitternacht war. Unfreiwillig, dafür konsequent, die Touristenroute meidend, suchten und fanden wir nach Ewigkeiten und beständiger Hungerperioden das deutsche Herrenhaus „Gut Palmse“, „Sagadi“ ebenso. Tief in der Nacht hatten wir den Weg nach Väike Maarja geschafft, Spaghetti und schlafen. Runde III. zu Ende.
Lediglich in der Baedecker-Karte gekennzeichnet war die Herrenhausanlage auf einer Insel im See, und war eine der kleinen aber feinen Überraschungen am Wegesrand, an denen Estland so reich ist. Die Burgruine in Rakvere, entlang der Ostsee, die deutschen Kriegsgräber in Toila und dann kamen wir schließlich in Narva an, der Festungsstadt an der Grenze zu Russland. Von der Burg auf der estnischen Seite, hinweg über die Köpfe der russischen Grenztruppen schauend, erkennt man auch die Zwillingsfestung „Ivangorov“ auf der anderen Seite des Flusses Narva. Von Narva aus begaben wir uns nach Puista, einem russisch-orthodoxen Kloster, und weiter nach Süden.

Nur die Leichen fehlen

Es war die perfekte Szenerie für einen Horrorfilm: wir fuhren weit Mitternacht durch kilometerweite Strecken von Wald, ohne Dörfer und Häuser dazwischen, der Mond schien hell und fast voll, zwischendurch immer wieder mal Nebelschwaden. Ein betrunkener Russe in der Mitte von Nirgendwo plötzlich und viele Kilometer später kamen wir im mausetoten Vask-Narva, dem letzen Dorf in der Ecke von dem Peipsisee, der Narva und Russland, an. Ganze 65 Einwohner sollte es laut Baedecker zählen, viel größer war es auch nicht, kleine, unfertige und hässliche Häuserchen in Einöde von Nebel und Mond. Völlig unerwartet dagegen die gewaltige Silhouette einer russisch-orthodoxen Kirche, gnadenlos überdimensioniert für das Nest und die schwarzromantische Ruine der Ordensburg direkt am nächtlich-düsteren und stillen Peipsisee. Eine sehr eindrucksvolle Komposition.
Das war auch der Abschluss von Carpe Noctem die IV. und des Extrem-Sightseeings in Estland. Gegen 06:00Uhr morgens kamen wir wieder in Maarja Küla an und Tonio und Patrick ließen bald die vier Räder binnen zweier Tage bis nach Deutschland zurückdüsen.


Wahlkampf im Tiefkühlfach

Nur zwei Tage später brach ich selber auch schon Finnland auf. Für den 18. März standen die Parlamentswahlen in dem skandinavischen Staat an und ich packte die Gelegenheit beim Schopfe, Land & Leute mal andersherum zu erleben. Bereits im Januar ging es durch die Verteiler der Grünen Jugend, dass die VINO, die finnischen jungen Grünen zur Unterstützung im Wahlkampf einladen und als hatte ich mir die berühmte Stadt Rovaniemi, am Polarkreis, auserkoren. Da Zug- und Buspreise für Nicht-Studenten (und wenn, dann auch nur für finnische) der reinste Horror sind, versuchte ich die 800 Kilometer mit Trampen zu überwinden.
Gegen Mittag ging Fähre im Hafen von Helsinki ein und wenig später stand ich auch schon am Stadtrand mit rechten Hand draußen. Ausgerüstet den Infos mit der wenig motivierenden aber sehr hilfsbereiten Touristinformation bezüglich Hitchhiken in Finnland, versuchte ich mein Glück. Schon bald musste ich aber erkennen, dass diese Art zu Reisen verdammt unpopulär in Finnland und überhaupt nicht mit Estland zu vergleichen ist. Ein alter Tramper, der in der Nähe wohnte, sah mich am Straßenrand und erklärte mir auch, dass es womöglich schwierig werden könnte in Finnland. Mit einem weiteren Tipp ausgestattet, dass kaum ein Kilometer weiter eine bessere Stelle ist, klappte es schließlich aus Helsinki raus zukommen. Ich war froh endlich auf dem Weg zu meiner ersten Station, Tampere, zu sein.

Man soll den Tag nicht vor der Ankunft loben

Der erste Trip wurde denn auch gleich zum Abenteuer, ein Pechvogel, über den mich noch stundenlang weiter ins Detail verlieren könnte, war mein Fahrer. Kaum schrieb ich meinem Host in Tampere eine SMS, dass ich in wahrscheinlich zehn Minuten da bin, blieb der altersschwache Kleintransporter auch schon mit erner ganze Menge Qualm auf der Autobahn stehen und rauchte noch eine Weile so vor sich hin. Da stand ich nun auf mitten auf dem Motorway und musste zu meiner Enttäuschung feststellen, dass die Finnen ihre Autobahnen einzäunen, damit Tiere nicht drauf rennen, ich im umgekehrten Falle aber auch nicht herunterkam. Neben den drei Spuren entlang wandernd, fand ich schließlich eine Stelle und sah mich sprichwörtlich in der Mitte von Nirgendwo. Die erste Wohnanlage, die ich fand, entpuppte sich als Obdachlosenheim und die erste Person darin, sprach neben Finnisch nicht etwa Englisch oder Deutsch, sondern Estnisch.
Die Leiter des Heimes waren so liebenswert und nahmen mich mit zur nächsten Tankstelle. Ich hatte noch gar nicht richtig angefangen wieder zu Hitchhiken, die Hand nur so schon mal rausgestreckt, da hielt auch schon ein Auto und wenig später stellen wir fest, dass sie Verwandte von meinem Host in Tampere waren. Finnland ist eben auch nicht groß.
In Tampere war bereits Felix, ebenfalls Deutscher, um den dortigen Wahlkampf von Anna-Maria zu unterstützen, die, da selber im Rollstuhl, sich besonders für ein behindertengerechtes Finnland einsetzt.

Helsinki im Regen = Stimmung

Der Fortgang ist schnell erzählt. Mein Ziel, aus der zweitgrößten Stadt Finnlands am folgenden Morgen herauszukommen, scheiterte kläglich. Die Autobahn zum meinem nächsten Ziel raste durch Tampere nur durch. Die einzige Auffahrt war ein Autobahnkreuz, das sich in etliche Richtungen spaltete und so richtig einen Platz zum Hinstellen gab es einfach nicht. Nach einigen Stunden, es fing an zu schneien, hatte ich von der kalten finnischen Mentalität, die auf Tramper nicht einmal reagiert, ordentlich die Schnauze voll und fuhr zurück nach Helsinki. Im Zug.
In der Hauptstadt verbrachte ich einige Tage, half mit den polnischen Wahlkampffreiwilligen auf dem Boulevard oder bei „Green Session“, einer Reggae-Party in Lohja, einer Suburb von Helsinki. Wahlkampf in Finnland ist ein bisschen wie Weihnachtsmarkt: jede Partei hat ihre Bude mit Kaffee und Essen und alles dekoriert, in Parteifarben und Slogans natürlich.

Turku im Sonnenschein = Stimmung²


Danach trampte ich bei schönstem Sonnenschein nach Turku, schnell und mit sehr netten und hilfsbereiten Fahrern. So soll es sein. In Turku, im Südwesten des Landes, hatte ich dann auch meine besten Tage in Finnland, die Sonne half mit. Als einziger Fleischesser unter Vegetariern und Veganern, hatten wir trotzdem viel Spaß zusammen. Wenn ein Tag 24 Stunden hat, dann waren wir 18 Stunden davon auf unseren Beinen. Tagsüber in der Einkaufspassage, vor dem Dom oder vor der Uni Flyer verteilen und nachts weitertanzen, Freitag gab es auch ein Großevent mit 'nem berühmten DJ aus New York. In der letzten Nacht, wir kamen gerade gegen 3:00 aus dem schließenden Club raus, ging es in der Privatwohnung (Platte, oberster Stock) bis frühs bei hämmernden Bässen weiter. Es lebe die Nachbarschaftsfreundlichkeit.

In Helsinki zur Wahlparty zurück, stellte ich auch mit Freude fest, dass sich unser Engagement gelohnt hat: Ausgerechnet in Turku holten die finnischen Grünen den zusätzlichen Parlamentsplatz und „meine“ Kandidaten bekamen auch großartige Ergebnisse.
In Finnland darf nämlich jeder kandidieren, also eben auch Studenten. Darum müssen die Finnen nicht wie wir Deutschen aus sechs, sieben, acht Möglichkeiten wählen, sondern aus Hunderten.


Die Kategorie "Sonstiges"

Damit soll es erstmal genug sein. Seit der Mitte des Märzes bis heute war ich natürlich nicht eingeschlafen, der Frühling ist schließlich da. Filmprojekt mit Exkursion zur Burgruine in Helme, Maarja-Küla-T-Shirt-Projekt, Unibewerbungen & IELTS und viele viele schöne Erlebnisse in Tartu seien nur einige Stichworte.
Gerade hat sich Väterchen Frost noch einmal zurückgemeldet. War ich noch am Wochenende in den Sümpfen und Wäldern im T-Shirt wandern oder besser "waten", so liegt jetzt schon seit einigen Tagen wieder Schnee und geht taut gelegentlich vor sich hin.

Estland in den Schlagzeilen

Zu den "Krawallen" in Tallinn sei angemerkt, dass die meisten Russen ohnehin bloß besoffen waren. Deswegen ist ja auch seitdem der Alkoholverkauf gestoppt und jetzt bis zum 9. Mai verlängert wurden. Letztendlich sind die materiellen Ausmaße der Proteste aber nicht sonderlich spektakulär. Das hatten wir früher jedes Jahr zu "Bunten Republik Neustadt" auch gehabt. Nur sind die estnischen Polizisten nicht dafür ausgerüstet.
Da Estland sich gegenüber Russland gern wie David gegen Goliath aufführt und vonder russischen Minderheit nicht viel hält, ist Entrüstung von Russland auch zu verstehen. Die Esten sind aber nicht zu stark von russischen Energielieferungen abhängig - können sich es also bedingt leisten, dem Kreml ein paar Seitenhiebe zu geben. Auch wenn ich meine, dass man es nicht gerade auf dem Rücken von toten Menschen austragen sollte, die in dem Wahnsinn vom II. Weltkrieg ihr Leben ließen.
Weitere Infos gibt es von der Deutschen Welle (Öl-Boykott und Angriff auf Diplomatin) und einen Kommentar auf Tagesschau.de (Rückfall in Sowjetzeiten)


Genießt den Frühling!


euer Christian

Tere tulemast!

(I'm sorry that I do not have the time to write an English version)


Verschneite Grüße!

Es hat eine Weile gedauert, bis ich Zeit fand, meine Seite wieder auf den aktuellen Stand zu bringen, auch wenn es nicht so umfangreich wie bisher geschehen ist. Das Leben in Estland lässt mir trotz estnischer Lansamkeit nicht zu viel Zeit dafür. (Das ist im übrigen ein Foto von GoogleEarth von Maarja Küla. Wenigstens den Ahja-Fluss kann man gut erkennen. Estland ist eben doh nicht so stark überwacht wie Deutschland
Der viertägige Riga-Trip mit Olivia Mitte Dezember, einige Bilder aus Maarja Küla und natürlich von Saaremaa gibt es zu sehen. Viele (gerade Saaremaa) sind allerdings nicht mit meiner Kamera gemacht, da einscannen zu lange dauert und sie sowieso gerade noch beim Fotoshop sind. Es sind daher erstmal die Bilder von Anna-Lena.
Zu sechst haben wir uns für vier Tage aufgemacht nach Saaremaa (Ösel ist der alte deutsche Name), der größten Insel Estlands und der zweitgrößten der Ostsee. Noch mit von der Party waren: Charles, Camille, Laura, Ana-Lena und Anna-Lena.
Wesentlich schneller die öffentlichen Transportsysteme sind wir nach Kuressaare getrampt, bei zeitweise -19,2°C auf dem Festland. Auf der Insel selber waren es „milde“ -8°C im Schnitt die Tage gewesen. Auf der Halbinsel Sõrve hatten wir uns in eine kleine Blockhütte eingenistet.
Die quadratische Bischofsburg in Kuressaare im Sonnenuntergang, ein Schlachtfeld aus dem II. Weltkrieg im Mondschein, die sehr stürmische und verschneite Ostsee oder eine altestnische Festung in meterhohen unberührten Schnee bei Sonnenschein am Mittag: Der Trip hielt viele schöne Momente bereit.

Nächste Woche habe ich bereits mein Midterm-Training in Võru, Süden Estlands. Ja, es ist bald Halbzeit für mich!

Ich habe jetzt auch meine Reportage in der Sächsischen Zeitung hochgeladen, für alle die, die es noch nicht gelesen haben: Estland Reportage.pdf
Ich wünsche noch einige schöne Wintertage auch in Deutschland,


viele liebe Grüße,


euer Christian