Die Laute, auf der ich seit dem Sommer spiele, wurde gebaut von Peter Harlan, Markneukirchen 1935 - so viel wusste ich durch den Zettel im Inneren. Über Peter Harlan wusste ich bisher nichts, nur der Familienname kam mir irgendwie bekannt vor. Also habe ich über die Feiertage mal ein paar Nachforschungen angestellt, was es mit Peter Harlan auf sich hat, und festgestellt, dass er eine ganz interessante und wohl auch zentrale Figur der Wandervogel- und späteren Jugendmusikbewegung ist.
Die
Wikipedia kennt ihn vorwiegend als Blockflötenbauer, und in der Tat war er maßgeblich daran beteiligt, dieses Instrument aus der Vergessenheit zu reißen und zum Schulmusikinstrument Nr. 1 zu machen (unten mehr dazu).
Peter Harlan wurde 1898 in Berlin als Sohn von Walter Harlan geboren. Dieser hatte mit 21 Jahren ein Vermögen von eineinhalb Millionen Mark geerbt, war damit finanziell unabhängig und wirkte als Intendant und Mäzen zunächst in Leipzig, später in Berlin. Unter anderem brachte er Dramen von Gerhart Hauptmann auf die Bühne, die damals zur Avantgarde zählen. Der Bruder von Peter Harlan war Veit Harlan, der später als Nazi-Regisseur berüchtigt wurde. Peter wuchs in die 1901 von Freunden seines Vaters in Steglitz gegründete Berliner Wandervogel-Gruppe (damals die 1. in Deutschland) hinein und wurde von den idealen dieser Bewegung – Wendung zu einem bündisch-völkischen Ideal, musikalische Vorlieben in der Renaissance (Praetorius war hier prägend), Gegenbewegung zur bürgerlichen Romantik mit einer nicht minder idealisierenden Mittelalterbegeisterung – entscheidend geprägt.
Am Ersten Weltkrieg nahm er nur kurz Teil und lernte stattdessen gegen den anfänglichen Widerstand seines Vaters in Markneukirchen das Instrumentenbauer-Handwerk (der Vater wehrte sich dagegen, dass sein Sohn „Gitarrentischler“ werden wollte). Schon 1918, nach seiner 2. Einberufung, machte Peter Harlan sich als Instrumentenbauer selbstständig, fertigte zwar, um Geld zu verdienen, billige Instrumente, war aber viel mehr darauf aus, auf der Grundlage historischer Instrumente neue Formen zu entwickeln. Dieses tat er dann auch mit wechselndem Erfolg: die moderne Blockflöte inklusive der „deutschen“ Griffweise geht auf seine Initiative zurück. Die Blockflöten wurden auf C oder F gestimmt, wie es auch heute noch gängige Praxis ist – vermutlich auf Druck der Lehrer. Unter diesem Druck behielt Harlan auch die "deutsche" Griffweise statt der reiner klingenden, aber angeblich schwerer zu lernenden "englischen" bzw. "barocken" Griffweise bei, obwohl er selbst letztere bevorzugte.
Statt der Wandervogel-Lauten, die er während seiner Lehre noch in Massen fertigte, begann Harlan, historische Instrumente, wenn auch modifiziert nachzubauen. Gamben baute er gleich in ganzen Familien (engl. chest of viols - ein Schrank voll Gamben), um das Ensemblespiel zu fördern. Schon nach 1933 entwickelte er so genannte „Fideln“ als preiswerte Volksinstrumente.
Die ersten Lauten, die Harlan baute, waren ähnlich wie eine Gitarre auf E gestimmt, und auch die ersten Blockflöten standen in E, A oder die, um mit dem Zupfinstrumenten besser zu harmonieren. Später begann er dann, andere Stimmungen zu verwenden. Gamben standen in D, (pseudo-)historische Lauten erst in E, dann in D oder (wie meine) in G. Er entwickelte auch eine 10-saitige Laute, die er als Wiederaufnahme und Fortführung historischer Modelle sah. Auf dieser Laute sollten z.B. die damals gerade neu entdeckten Bach'schen Lautensuiten gespielt werden. Selbst spielte er auf einer 8-saitigen Gitarre,
die ich für das Instrument halte, das unsere Laute nun genannt werden könnte. Sie ist gestimmt, wie die Gambe und die Fidel, also von D aus die sechs Saiten und zwei Kontrabässe, die uns ermöglichen, alle Tabulaturen zu spielen.
Bezeichnend für Harlan und seine Mitstreiter in der Jugend(musik)bewegung, die aus dem Wandervogel hervorging, war die Begeisterung für "Alte Musik" als Avantgarde. Reger und Beethoven, die Idole des bürgerlichen Musikbetriebes, wurden zu Feindbildern, Prätorius, Schein, Scheidt zu Helden. Komponisten wie Paul Hindemith, in den 20er Jahren an der Musikschule Neukölln, der Berliner Kirchenmusiker Pepping, Hugo Distler werden zu Verbündeten (gemacht?) in einer Bewegung, die im 1. "Zupfgeigenhansel" wegführte vom 4-stimmigen Chor zum Singen des Einzelnen, dann wieder zu Chören, die sich aber eher an der Linearität von Madrigalen des 16. Jh. orientierten.
Und dass wir von dem Singen des Einzelnen zu dem Chorischen kamen, das ist eine gesellschaftliche Umschichtung, die nicht nur im Wandervogel ist, sondern die ja ein Epochenwandel ist, der ungeheuerlich wesentlich ist. Dass wir auf einmal chorisch musizieren wollten und damit mitten in Herz des 16. Jahrhunderts trafen, wo diese frühe Madrigalkunst nun das war, was sagt „Das ist ja überhaupt unsere Welt!“ Und, ob wir dann nun Distler sagen oder Pepping, die alle daran pustend sagen, hier ist etwas, an dem wir viel dichter dran waren, als etwa an Max Reger, oder auch viel, viel dichter, als an Beethoven, den wir damals alle nicht leiden konnten (langsam bekommen wir wieder unsere Achtung).
http://www.windkanal.de/index.php?option=com_content&view=article&id=39&Itemid=88&lang=de
Organ der Jugendmusikbewegung und Hauptvertriebsinstrument der Blockflöten war übrigens der Bärenreiter-Verlag (früher Augsburg, dann Kassel). Interessant auch, dass nach dem Krieg sich die Jugendmusikbewegung fortsetzte und sich z.B. im Sauerland junge Männer trafen, um gemeinsam auf selbstgebauten Gamben zu musizieren. Ihre Freundinnen und späteren Ehefrauen nahmen sie gleich mit in diesen Zirkel auf. Treffen dieser Zirkel finden bis heute statt, wie ich von einer Teilnehmerin weiß, auch wenn die Jugendlichen von damals inzwischen alt geworden sind.
Spannend finde ich, dass an dieser Geschichte eine ganze Menge nicht nur musikhistorischer, sondern auch historischer Verweise in alle möglichen Richtungen ausstrahlen. Zum einen ist es interessant zu sehen, wie die Alte Musik-Bewegung auf den Wandervogel und andere völkische und bündische Bewegungen zurückzuführen ist, mit einem anderen Bein aber auch in der kirchlichen Tradition stand. Zum anderen zeigen sich in den Ideologien und Biografien der Beteiligten auch eine Menge politischer Verwirrungen und auch Widersprüchlichkeiten – so war Fritz Jöde, Harlans Mitstreiter, an einer kirchlichen Musikschule in Berlin tätig, wurde erst von den Nazis seines Amtes enthoben, später aber Parteimitglied. Peter Harlan macht den Eindruck eines Mitläufers, der die gegebenen Verhältnisse geschickt zu nutzen weiß, um seine Ziele durchzusetzen; gleichzeitig war er aber auch dafür verantwortlich, dass die Burg Sternberg, auf der er damals wohnte und arbeitete, nicht gesprengt, sondern den Alliierten kampflos übergeben wurde.
Aber warum sollte die Geschichte der Alten Musik ideologisch sauberer sein als die der „bürgerlichen Tradition“, gegen die man damals anging? Ob es daran liegt, dass auch Gegnerschaft verbindet? Ob die verschiedenen Bewegungen nur unterschiedliche Schlüsse aus denselben Voraussetzungen ziehen? Hier werden weitere Nachforschungen vielleicht noch weitere Ergebnisse bringen. schließlich finde ich auch spannend, dass die ästhetischen Ideale, die in dieser Zeit formuliert wurden, in unterschiedlichen Ausprägungen bis heute überlebt haben – so mag ich z.B. Alte Musik auch lieber als dieses 19. Jahrhundert, kenne aus meiner Kindheit das Orff'sche Instrumentarium, modal oder kirchentonartlich geprägte Lieder, die alle letztlich auf die Jugendbewegung und den Rückgriff auf ein neu imaginiertes Mittelalter und Renaissance zurückzuführen sind.
Quellen:2 Artikel über Peter Harlan als Instrumentenbauer und -restaurateur :
http://archiv-der-jugendmusikbewegung.de/artikel.htmTranskription eines Interviews mit Peter Harlan
http://www.windkanal.de/index.php?option=com_content&view=article&id=39&Itemid=88&lang=deHier eine YouTube-Hommage an Peter Harlan: Aufnahmen, in denen er "Greensleeves", Pierre Attaignant "Tant qui vivrait", Hans Neusidler, "Welscher Tanz und Hupfauf" spielt, unterlegt mit historischen Fotos. Den Bildern nach zu urteilen muss er ein ziemlicher Typ gewesen sein, was auch in einigen Erinnerungen an ihn ausgedrückt wird. Klaus Martius nennt ihn " Lehrer, Musiker, Instrumentenbauer und ... Fabulierer über Musik und Instrumente" - Charisma und Begeisterung gingen ihm wohl vor wissenschaftliche Genauigkeit.