Monday, 13. November 2006, 11:30:18
So. Ich bin vor ein paar Stunden erst aus Oslo zurückgekehrt, und schon halte ich meine Erlebnisse in einem langen konfusen Artikel fest. Denn wenn ich den Gedanken Zeit lasse, sich zu ordnen, dann wird der Artikel kurz und unkonfus, und das entspräche so gar nicht meinem Stil.
Also am Donnerstag in der Nacht bin ich in den Bus nach Oslo gehüpft und war achteinhalb Stunden später dort. Der Bus war cool, zweistöckig, geräumig und modern, und mit heißem Wasser zur freien Entnahme, das man sich mit diversen Pulvern zu Kaffee, Tee oder Gemüsebrühe veredeln kann. Das einzige, was der Bus wie offenbar alle Reisebusse in Norwegen nicht hatte, waren Überkopf-Gepäckfächer vernünftiger Größe, aber für mich war das nicht so relevant.
In Oslo angekommen bin ich erstmal eine Stunde lang wie in Trance herumgeirrt: Stadt! Straßenbahnen, umherwuselnde Menschen, aber ganz besonders Gebäude! In drei, vier, fünf Dimensionen, mit unzähligen Stockwerken, Fußgängerbrücken, unmöglichste Formen aus Beton und Glas, entgegen jeder Vernunft ineinander verschachtelt und verknotet! Es war ein verwirrend-erhebendes Gefühl von "ich weiß nicht, wo ich bin, aber ich bin zuhause" -- ein echter Kontrast zu unserer Zwergenwelt in Trondheim, wie die Lisa das bezeichnet hat. Und immer mehr Menschen, die ohne erkennbares Ziel kreuz und quer herumrennen, man kann den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik förmlich spüren. So ungefähr muß sich Gershwin gefühlt haben, als er seinen Amerikaner in Paris schrieb. Und dann noch die U-Bahn, die im ersten Moment sogar so gerochen hat wie die in Budapest! Sehr sehr cool. (Wenn auch die Ansagen lang nicht so fetzig sind wie
in Budapest. "Mind the gap" heißt in Oslo übrigens "Vær oppmerksom på avstanden".)
Naja, als ich wieder bei Sinnen war, bin ich also in die U-Bahn (die heißt hier T-bane) gehüpft und zur weltberühmten Schisprungschanze am Holmenkollen gefahren. Die ist ganz schön groß, und man hat eine nette Aussicht Richtung Fjord. Dann bin ich noch bissi weiter rauf zum Fernsehturm (die U-Bahn fährt da ganz schön weit rauf in die Berge, dort natürlich überall oberirdisch), aber der Fernsehturm war wegen Umbaus geschlossen. Schade, weil die Aussicht von dort soll super sein. Naja, dann bin in zu unserem Hotel, aber es war erst 12 Uhr, und da haben sie gemeint, es ist noch bissi zu früh zum Einchecken, also bin ich wieder zurück zum Busbahnhof und hab dort auf meine Eltern gewartet.
Die sind dann so ca. eine Stunde später gekommen als erwartet, und bis wir im Hotel eingecheckt waren und uns einigermaßen von den diversen Strapazen erholt haben, war es schon so kalt und dunkel, daß wir nicht mehr in die Stadt sind, um unsere Entdeckungsreise zu starten. Stattdessen haben wir uns einen gemütlichen Abend gemacht und uns viel unterhalten, man hat sich ja einiges zu erzählen nach so vielen Monaten.
Am nächsten Tag nach einem reichhaltigen Frühstücksbuffet (meine Eltern mögen keinen Braunkäse, tststs) sind wir zuerst mal auf die Halbinsel Bygdøy. Dort gibts ein Wikingerschiffmuseum, das wollte ich gerne sehen, und es war auch sehr cool. Die haben schon was draufgehabt, diese Schiffbauer. Danach sind wir dort im Villenviertel herumspaziert, mein Vater hat es lustig gefunden, daß die Norweger Mitte November noch die Gartenmöbel auf ihren Balkons stehen haben. Danach sind wir ins Kon-Tiki-Museum, wo viel über die Abenteuer von Thor Heyerdahl berichtet wird. Der Typ war ganz schön cool.
Wieder in der Stadt haben wir uns mal einige große Gebäude wie das Nationaltheater oder das Parlament angeschaut, dann ging es ins Munch-Museum. Hmmm. Gut, daß das gratis war, weil schon der Herr Munch hat großteils eher belangloses unansehnliches gemalt (seine Holzschnitte hab ich cool gefunden). Dann waren seine Bilder aber auch noch mit Fotos und Videoinstallationen von einem in Norwegen vielleicht bekannten anderen Typen vermischt. In einem Raum gab es ein paar Hundebilder von Munch und ganz viele Fotos vom Hund von diesem Fotografen. Hunde als Motiv, was für eine unglaubliche Parallele! Und dann waren die Fotos auch noch schwarzweiß! Und auf einem hat man den erigierten Penis des Hundes gesehen! Boah, ich glaub, das war voll echt Kunst oder so! Naja, was solls. Die Sicherheitsvorkehrungen waren übrigens flughafenäquivalent, und den "Schrei" gab es nur in schwarzweiß. Der ist doch jetzt im Sommer auch wieder aufgetaucht, oder nicht?
Nach weiteren Spaziergängen sind wir dann irgendwann heim und haben uns fürs Abendessen ein nettes chinesisches Restaurant in der Nähe vom Hotel gesucht. Das war insofern bemerkenswert, als die dort flüssig Norwegisch, aber offenbar kein Wort Englisch gesprochen haben, da hab ich dann übersetzt. Und der Kreditkartenleser hat ziemlich lang keine Verbindung zu seiner Kreditkartendatenbank aufstellen können, was in Norwegen sehr ungut ist, weil die Norweger oft auch minimalste Beträge mit Karte zahlen und kaum Bargeld bei sich haben. Irgendwann hats dann aber geklappt.
Am Sonntag am Vormittag haben wir den Frognerpark besucht, der ist vollgestopft mit Skulpturen vom Bildhauer Gustav Vigeland, der hat da 40 Jahre daran gearbeitet. Ist ganz interessant zu sehen, ich glaub sowas gibts woanders nicht. Dann haben meine Eltern auch schon zurück zum Flughafen müssen, ich bin mit ihnen zum Busbahnhof und hab sie in den Flughafenbus gesetzt. Das war ein sehr schönes Wochenende, vielen Dank für den Besuch! Und für die mitgebrachten Leckereien und den Lesestoff.
Ich hab dann noch fast zwölf Stunden zum Totschlagen gehabt, bis mein Bus nach Trondheim gefahren ist, also bin ich noch durch die Stadt geirrt. Zuerst gings die Karl Johans gate entlang, das ist die Hauptstraße, die bissi was von der Kärntner Straße hat, aber vor allem eine Art gerade Ringstraße ist, weil praktisch jedes große wichtige Gebäude dort liegt. Am Ende steht das königliche Schloss, bewacht von einer Handvoll Soldaten in lächerlichen Uniformen. Dann hab ich auch ziemlich viel Zeit im Rathaus verbracht, das ist mit seinen Wandgemälden und Skulpturen eine beeindruckende Perle des sozialistischen Realismus. Einige Stunden lang bin ich auch in der Lobby des SAS-Radisson-Hotels hinterm Busbahnhof gesessen, dort kann man sehr gut
gratis aufs Klo und auf gemütlichen Sofas auch ungestört seine Hausübung schreiben. Dann bin ich noch mehr durch die Stadt geirrt, bin eine Runde mit der Ringlinie der U-Bahn gefahren, um rauszufinden, wie lang das wohl dauert (25 Minuten; ja, ich habe viel Zeit gehabt, und U-Bahn-Fahren find ich sehr angenehm und entspannend), und war auch nochmal im Frognerpark, aber die Skulpturen sind bei Nacht nicht beleuchtet, also hat das nicht viel gebracht.
Naja, irgendwann war der Bus dann da, und wir sind gefahren. Unterwegs ist viel Schnee gelegen, und ein Thermometer auf irgendeinem Gebäude mitten in der Nacht hat -9 Grad gezeigt. Schön! Hier in Trondheim hats aber knappe Plusgrade. Bevor ich unten in der Stadt in den Bus gestiegen bin, hab ich mir -- man denkt ja mit -- auch noch frische Milch und Äpfel für mein Müsli gekauft. Daß ich zuhause -- man denkt ja nicht mit -- kein Müsli mehr hab, hat mich dann nicht so gefreut, aber frisches Brot hab ich auch gehabt.
Oslo war an diesem Wochenende übrigens ziemlich ausgebucht, es war nämlich das Fußball-Cup-Final-Wochenende, am Samstag gab es das Frauenfinale, am Sonntag das der Herren. Gespielt hat Blau gegen Rot (Sandefjord gegen Frederikstad oder so), nach den langen Gesichtern der Blauen zu urteilen hat Rot gewonnen.
Heut geh ich wieder schwimmen, da freu ich mich drauf, ich war die ganze letzte Woche nicht. Am Mittwoch war nämlich ein Professor aus Dänemark da, um uns 45 Minuten lang sehr oberflächlich (aber interessant) über sein Forschungsgebiet, Algorithmen für sehr große Datenmengen, zu erzählen. Dann gab es Pizza und Getränke für die ca. 300 Zuhörer, insgesamt war das Ganze also eine angenehme, aber völlig übertriebene Verschwendung von Geld. Das Geld ist aber von Google gekommen, die werden ab jetzt anscheinend viermal im Jahr so eine Veranstaltung für Trondheimer Studenten bezahlen. Na wenn sie sich was davon versprechen, mir solls recht sein.
Schließlich wollte ich noch erwähnen, daß irgendwelche Leute das Ziel haben, im Jahr 2018 olympische Spiele in Trondheim auszurichten. Zu diesem Zweck hängen in der Stadt Fahnen und Plakate mit dem Spruch "æeme'", mit dem man zuerst mal gar nichts anfangen kann. Mit Farben wird allerdings angedeutet, daß es sich dabei um die drei Worte "æ e me'" handelt, und das ist trøndersker Dialekt für bokmål "jeg er med", also "ich bin dabei". Man soll seine Unterstützung irgendwie kundtun, aber ich würde das auch dann nicht tun, wenn ich permanenter Bewohner hier wäre; ich glaube nicht, daß es unserer Zwergenwelt viel Gutes tun würde, so eine imperialistische Großveranstaltung herzuholen. Aber das sollen die entscheiden, die es direkt betrifft.
So, und jetzt gehts wieder zurück in den stressigen Alltag. Dørene lukkes!