February 2009
Saturday, 21. February 2009, 16:26:59
tonika, experience, dominante, wunschzettel
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es ist eigentlich zufall, aber irgendwie doch nicht, jedenfalls passiert es immer wieder, daß ein unterrichtsthema in verschiedenen klassen und schulstufen, oft auch von ganz verschiedenen seiten kommend, mehr oder weniger gleichzeitig behandelt wird. ich mache meine jahresplanung sicher nicht extra danach, aber manchmal taucht etwas zeitnah in verschiedenen umgebungen auf und kumuliert dann aufgrund des betriebenen aufwandes und benötigten materials. letztes schuljahr waren es zum beispiel diverse mittelalterliche themen, wobei das in erster linie am mittelalter-schwepunkt lag, dieses jahr unter anderem der generalbass, und der nächste heiße kandidat ist haydn. im moment ist es jedoch der blues, und das paßt mal wieder auch auf anderen ebenen.
mir liegt der blues ziemlich am herzen, weil sich im wesentlichen die gesamte pop- und rockgeschichte auf irgendwelche spielarten dessen zurückführen läßt. die abstammung ist nicht immer ganz offensichtlich, aber gerade das ist ja so spannend daran. und faszinierend ist der blues allemal, weil er seit gut 100 jahren nach den selben einfachen prinzipien funktioniert und sein wesen beibehält, obwohl er sich sehr gut in verschiedene strömungen und moden integrieren kann.
eines dieser prinzipien ist das blues-schema, und das bedeutet, ich kann mal wieder ein wenig musiktheorie hineinstreuen, aber es wird nicht viel, versprochen. beeindruckend am blues-schema ist ihre einfachheit und ihr gleichzeitiges potential zur vielschichtigkeit. außerdem fällt es aus dem rahmen üblicherweise symmetrisch oder periodisch gebauter musikalischer formen, ohne daß das irgendwem unangenehm auffallen würde.
wie man weiß, hat das blues-schema drei zeilen, in deren erster sich fast nix, der zweiten nicht viel und der dritten dafür umso mehr tut. es kommt mit den drei hauptstufen aus und wäre daher eindeutig durbezogen und diatonisch, was allerdings durch andere elemente des blues verwischt wird. mit stufenbezeichnungen sieht es in der einfachsten üblichen form so aus:
I - I - I - I
IV - IV - I - I
V - IV - I - (V)
das ist noch nicht sonderlich spektakulär, und statistiker würden sofort anmerken, daß sieben der zwölf akkorde auf der ersten stufe stehen. die V. kommt überhaupt nur einmal, am anfang der dritten zeile, tatsächlich stilbildend zum tragen, am ende ist sie nämlich nur ein sogenanntes turnaround, also eine kadenz zur I. stufe des anfangs zurück, und kann auch weggelassen werden. aber gerade durch dieses statistische ungleichgewicht ist das funktionale gewicht der IV. und V. stufe umso höher, und irgendwie ist es beim blues nicht die I. stufe, die man herbeisehnt, sondern die anderen beiden.
die dreizeiligkeit wird in vielen (nicht allen) songs, die auf dem blues-schema basieren, textlich auf eine interessante art und weise unterstützt, indem die erste textzeile wiederholt wird (melodisch übrigens meistens auch). klassische bluestexte haben also nur zwei geschriebene textzeilen pro strophe, wobei die wiederholung in verbindung mit dem harmonieschema eine ganz andere wirkung hat.
man könnte fast sagen, der blues sei eine dialektische form. die erste zeile, durchgehend auf der I. stufe, ist sozusagen die these. die zweite bekommt allerdings durch den wechsel auf die IV. stufe eine ganz andere ausstrahlung, und zumindest ich nehme sie trotz der gleichbleibenden melodie und der wörtlichen wiederholung des textes ganz anders, nämlich als eine art antithese wahr. für mich ist der blues dadurch im hinblick auf die verschmelzung von musik und text bzw. auf die ausdeutung des textes durch die musik eine der intensivsten musikformen überhaupt.
die dritte zeile, in der zum ersten und zum letzten mal die V. (an dieser stelle ganz und gar nicht dominante!) stufe betreten wird, wirkt musikalisch wie meist auch textlich als synthese, pointe, schlußfolgerung oder wie man sie auch haben oder hören will. und ich glaube, daß diese klassische dreiteiligkeit dazu führt, daß man den blues als eine kompakte, geschlossene, logisch notwendige form hört - bzw. zumindest nicht als schief, assymetrisch oder sowas. die logiker unter uns könnten natürlich statt meinen dialektischen termini auch ihre eigenen nehmen und von prämissen und konklusion sprechen, das käme wohl auch hin.
soviel zur theorie. in der praxis ist es gar nicht so einfach, den blues rüberzubringen (vielleicht gilt hier: entweder man hat ihn oder auch nicht). es ist für schüler oft sehr witzig und interessant, die erfahrung zu machen, daß ihnen zu einem bloßen, von melodie und text befreitem instrumentalen blues-schema sofort zehn verschiedene lieder einfallen (und wenn nicht, brauche ich nur einige melodiefetzen anbieten), allerdings scheint sich das erwachte interesse sehr schnell wieder zu legen. das ist schade, weil meiner meinung nach das bißchen theoretischer einblick sehr viel zur faszination des blues beiträgt.
die praktische beschäftigung damit hat meiner bisherigen erfahrung nach auch noch nicht viel mehr interesse wecken können. es ist recht simpel, selbst mit einer supplierten zweiten klasse in einer einzigen stunde brauchbare blues-schemata zu erarbeiten, zumindest mit bass und schlagzeug, aber zum beispiel mein wahlpflichtfach weigert sich recht konsequent, ein bißchen weiter in die materie hineinzutauchen. dabei kommen sie nicht drum rum, weil von selber lernen sie nicht spielen, und die einfachste möglichkeit, mehrere lieder ohne mehraufwand zu lernen oder eine gute grundlage zum improvisieren zu haben, bietet nun mal der blues. da werden wir also noch einige wochen investieren.
gleichzeitig führt diese erfahrung nebst anderen bei mit zu einer klassischen blues-stimmung. irgendwie freuts mich im moment nicht so. dabei ist es gar nicht november. ich weiß nicht genau, wieso junge leute, die sich selbst als auf diesem gebiet wißbegierig bezeichnen, von mir erwarten, ihnen alles hinterherzutragen und ins hirn zu stopfen (bildlich gesprochen wohlgemerkt, bevor sich irgendwelche rechtlichen konsequenzen daraus ergeben sollten), ohne dabei ohren und augen aus eigener kraft aufzumachen. ich wüßte sehr gern, was ich anders machen soll, und bin für konstruktive vorschläge offen. aber wenns mir keinen spaß macht, müssen wir ja genau diese dinge gar nicht machen, das musikbuch bietet genügend andere themen, die ich gleichermaßen faszinierend finde.
Friday, 20. February 2009, 17:51:29
experience, dominante, wunschzettel, dilemma
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sehr schöne sache. ich muß für die bundesrepublik österreich ein von der republik ungarn ausgestelltes schriftstück X produzieren, das beweisen soll, daß ich x bin (was das inhaltlich ist, ist unerheblich, und man kann es sich eh denken). nun, das vorhaben hat mich von anfang an etwas verstört, kann ich doch getrost davon ausgehen, daß die republik ungarn seit gut 20 jahren nicht wirklich was über mich weiß - schon gar nicht, ob ich x bin oder nicht.
im naiven glauben, ein reisepass und eine geburtsurkunde würden ausreichen, ging ich mit meinem reisepass und meiner nigelnagelneuen geburtsurkunde (eigentlich auszug aus dem geburtenbuch, aber das ist in ungarn das selbe) (nigelnagelneu deswegen, weil ich meine alte, sprich originale, schon länger nicht gesehen habe, obwohl ich an all den üblicherweise zu erwartenden stellen nachgeschaut habe) (sind solche doppel- bzw. jetzt sogar dreifachklammern überhaupt erlaubt? ich weiß, ich hätte es auch eleganter lösen können, indem ich die zweite gleich nach nigelnagelneu eingefügt hätte, aber jetzt ist es wohl zu spät.) zur botschaft. nach einer kurzen suche (sie hat sich versteckt! das letzte mal war sie noch woanders!) habe ich die botschaft, die konsularabteilung und eine gerade nicht beschäftigte ansprechpartnerin gefunden.
ich habe ihr mein anliegen vorgetragen, worauf sie mir mit einem müden lächeln die unmöglichkeit meines vorhabens mitteilte: das ganze geht natürlich nur in begleitung, also brauche ich es allein gar nicht erst versuchen. und außerdem reichen meine schriftstücke sicher nicht aus, aber das weiß sie nicht so genau, und ich soll bitte auf die zuständige dame warten.
nach einer ganzen weile kam dann eine andere, offenbar halb zuständige dame, die mir einen zettel, der die ganze zeit in reichweite des schalters und daher auch der ersten dame lag, unter die nase hielt, die eine wunderbar ausführliche liste aller erforderlichen schriftstücke enthielt. unter anderem würden sie all meine meldezettel seit meiner ankunft nach österreich vor 20 jahren brauchen, weiters diverse bestätigungen, die bestätigen, daß ich einen wohnsitz in ungarn habe, daß ich keinen wohnsitz in ungarn habe, daß ich mich erlaubterweise in österreich aufhalte (erlaubt nicht durch die bundesrepublik, denn das dürfte aus aufenthaltsgenehmigung und tonnen von meldezetteln ersichtlich sein, sondern durch die republik ungarn) und sowas.
ja, das habe ich mir auch schon gedacht: es ist mathematisch unmöglich, all diese schriftstücke vorzulegen, weil sie einander teilweise widersprechen. aber, das sagt mir mein gesunder menschenverstand, es würde vermutlich ausreichen, einfach meinen status mit tonnen von papier zu belegen, und es würde schon klappen. vermutlich deswegen, weil man es nie so genau weiß.
ich habe mir also diverse weiterführende unterlagen organisiert. eine besagt, daß ich in ungarn nicht mehr gemeldet bin (zumindest dort nicht, wo ich vorher gemeldet war, aber wo das war, mußte ich nicht nachweisen, also ist da schon eine potentielle lücke gegeben), eine andere ist die bestätigung, daß ich ungarn tatsächlich verlassen habe und nicht mehr dort wohne. redundant, würdet ihr sagen, aber das ist bei solchen dingen nie falsch.
mit wie ich dachte allen erforderlichen dokumenten ging ich wieder zur botschaft, einfach mal um zu fragen, ob ich denn nun wirklich alles habe. die selbe dame wie letztens schaute sich meine papiere mit hilfe der genannten liste an, sagte, daß sie glaube, es würde passen, aber ich soll mal auf die zuständige dame warten. die andere, halb zuständige, war auch in der nähe, fühlte sich aber diesmal offenbar ganz und gar unzuständig. also setzte ich mich hin.
in der knappen halben stunde (ich weiß, das ist für amtswege nicht sonderlich lang, aber dafür, daß ich nur fragen wollte, ob alles paßt, meiner meinung nach schon) habe ich bekanntschaft mit diversen persönlichen schicksalen und ihrem kampf gegen die bürokratie machen dürfen. aus datenschutzgründen und weil sie nacherzähl nicht halb so spektakulär sind wie in echt, werde ich sie nicht nacherzählen.
nach der halben stunde ging ich wieder zum schalter und drängelte mich frech vor. manche leute müssen ja arbeiten, und die schule wartet nicht, und meine unterlagen lagen direkt beim schalter, aber auf der innenseite. ich bat die dame, mir selbige wieder auszuhändigen oder einfach frech zur zuständigen dame vorzudringen und sie um begutachtung meiner dokumente bitten, was sie auch tat, wenngleich widerwillig.
die diagnose der expertin lautete: fast vollständig. ein schriftstück (dasjenige, das beweist, daß ich an meinem ehemaligen wohnsitz nicht mehr gemeldet bin) muß ich mir auch original schicken lassen, das war nur eine kopie (das sehe ich fast noch ein, selbst wenn es ob dieser redundanz nicht unbedingt notwendig wäre. amtspersonen haben eine natürlich abneigung gegen kopien, das verstehe ich.), und mein aktueller meldezettel ist ihnen zu alt. ich meine, hallo, meldezettel! hat jemand in österreich jemals was anderes gebraucht, um seinen meldestatus zu bestätigen? nein. wieso dann gerade für die ungarn? aber gut.
nächste station: bezirksamt brigittenau, meldedingsbums. da gab es dann auch so moderne errungenschaften wie nummern, und ich hatte sogar eine, die bald dran war. bald ist relativ, aber drei nummern lang warten ist durchaus im rahmen des erträglichen. da habe ich dann bei einer freundlichen und überraschend sympatischen dame mein bedürfnis nach einer meldebestätigung vorgebracht und mit einem amtlichen lichtbildausweis unterstrichen. sie fand meine daten im computer und begann sie umständlich per hand auf ein formular zu schreiben. ich saß daneben und sah ihr beim handschreiben zu.
als sie dann fertig war, mußte ich mit einem ausdruck (wo kam der denn plötzlich her?) zur kassa, um meine drei obulonen zu entrichten. drei nur deshalb, weil ich die bestätigung der ungarischen botschaft widmen (sonst 13,20 € zeugnisgebühr) und weil ich die dame den wisch selbst handschriftlich schreiben ließ (sonst 13,20 € antragsgebühr! offenbar ist das selber schreiben weniger aufwendig als das lesen meiner schrift). auf dem weg zur kassa im dritten stock sah ich einige schicksalsgenossen, die in bester asterix- und obelixmanier (asterix erobert rom, 1975) die stufen rauf- und runterhetzen mußten, von schalter zu schalter. ich mußte nur einmal hinauf und dann wieder runter (ich bin bei behördengängen schon sowas wie ein profi, bei mir klappt das meiste beim ersten versuch) und durfte dann sogar ganz ohne nummer wieder ins zimmer und meine meldebestätigung abholen, die in der zwischenzeit (etwa 2 minuten) auf wundersame weise aus dem drucker wuchs. das ganze hat nur ein handbeschriebenes und drei quasi identische, ca. zu je einem fünftel bedruckte A4-blätter verbraucht, natürlich exklusive der eigentlichen bestätigung.
jetzt muß ich nur noch auf mein original aus ungarn warten, und dann kann ich endlich mit meiner begleitperson zur botschaft, wo ich nur noch die zuständige dame zu gesicht bekommen muß. ich bin sicher, irgendwas wird ihr nicht passen, aber diesmal ist mir das egal. denn wie ich mitgekriegt habe, läuft es jetzt eh auf folgendes hinaus:
die republik ungarn kann nicht bestätigen, daß ich x bin. dazu ist sie nicht in der lage, weil ich nicht in ungarn registriert bin. die ganzen dokumente brauche ich nur, um das beweisen zu können. ich muß ihnen also beweisen, daß sie nix über mich wissen. und wenn das geklappt hat, darf ich eine erklärung abgeben, daß ich x bin. nachdem ich alles andere schriftlich belegen mußte, werden sie mir genau das wesentliche einfach so glauben und mir ein zeugnis darüber ausstellen. und die bundesrepublik österreich wird ihnen das abnehmen.
denkt ihr das selbe was ich denke? ja, es ginge auch einfacher - es würde ja reichen, wenn mir die bundesrepublik diese erklärung abnehmen würde. hier bin ich ja lückenlos belegt und registriert, dokumentiert und alles. eigentlich, aber das sage ich nur unter vorgehaltener hand, müßte ich strenggenommen ja gar nichts dergleichen erklären oder belegen, weil die bundesrepublik die erste instanz wäre, die wüßte, wenn ich nicht x wäre... denn wenn sich der zustand ändert (das steht bald bevor, dafür brauch ich ja erst den ganzen papierkram), ist die bundesrepublik live dabei.
na jedenfalls scheint die ganze odyssee auf ein ziel zuzusteuern. wenn ich das original aus ungarn habe und mit meiner begleitperson bei der botschaft nach stundenlangem warten die erklärung abgeben durfte, werde ich noch gerichtlich beglaubigte übersetzungen anfertigen lassen dürfen, und schon kann ich alle unterlagen bei der bundesrepublik einreichen. übersetzungen deswegen, weil a) nicht davon auszugehen ist, daß eine österreischische vertretung der republik ungarn in einer anderen als der ungarischen sprache irgendwelche zeugnisse ausstellen kann und b) die bundesrepublik österreich nicht einmal mit einer in drei sprachen (u, e, f) ausgestellten geburtsurkunde viel anfangen kann.
immerhin habe ich im zuge der suche nach meinen alten meldezetteln meine originale geburtsurkunde gefunden. jetzt habe ich also zwei. man weiß ja nie, wo diese dünnen biester immer verschwinden, ich habe diverse dokumente doppelt, und das ist gut so (jetzt wißt ihr auch, wieso ich so ein profi bin - übung macht den meister). so kann ich mir also ein amtsschimmelkäsebrot gönnen und auf meinem amtsschimmel dem sonnenuntergang entgegenreiten. yippieh!
Monday, 9. February 2009, 22:41:00
experience, dominante, dienstag, wunschzettel
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letzten montag hat es in london so extrem geschneit, daß alle ryanair-flüge nach stansted gestrichen waren und angeblich der zug- und busverkehr in und um london komplett darnieder lag (komischerweise kenne ich persönlich eine person, die trotzdem in stansted landen und dann über london nach oxford fahren konnte. offenbar sind die news aus aller welt auch nicht ganz verläßlich). aus den medien hatte man hier den eindruck, england würde im chaos komplett untergehen.
tatsächlich kam es wohl am montag zu einigen beeinträchtigungen, die auch gute gründe hatten. die engländer haben eher selten schnee und sind demnach nicht wirklich dafür gerüstet. in stansted gibt es angeblich gar keine schneeräumungsgeräte, in heathrow gibt es welche, die auch in aktion waren, bis ihnen der platz zum schnee hinräumen ausging, und die züge können bei schnee nicht fahren, weil die weichen im gegensatz zu unseren nicht geheizt und daher bei eis und schnee nicht funktionstüchtig sind (die genannten infos habe ich alle aus erster hand von diversen in england lebenden personen).
dienstag früh war der spuk dann vorbei, wir konnten wie geplant landen, die züge fuhren mit wenigen ausnahmen und der schnee war weitestgehend weg oder zumindest auf dem rückzug. aber das nur am rande.
gleichzeitig habe ich mich gewundert, wieso alle welt so ein theater drum macht. ich meine, hierzulande schneit es doch einigermaßen regelmäßig, und es gibt auch einigermaßen regelmäßig mehrere schneechaosse im jahr. im november, wenn der erste schnee fällt; im dezember oder jänner, wenn der zweite schnee (der erste richtige, der dann auch bleibt) fällt; und wenn es so schneeregnet wie gestern, dann auch wieder. gut, bei uns steht nicht die ganze infrastruktur still, aber stundenlange staus, u-bahnausfälle und sehr unverläßliche öffis gibt es trotzdem. da finde ich es fast eleganter, wenn man weiß, bei schnee geht nix, denn dann geht man gar nicht erst aus dem haus, die schüler und die arbeitende bevölkerung bekommen automatisch frei, und alle wichtigen termine sind einfach auf den nächsten tag verschoben. bei uns hingegen wird man in falsche sicherheit gewiegt und kommt dann erst recht stunden zu spät und ist auch noch selbst schuld.
so gesehen dürfen wir schneechaostechnisch niemandem was vorwerfen, denn andere haben es womöglich nur alle 15 jahre und gehen damit trotzdem cooler um als wir, die es mehrmals im jahr heimsucht. sind wir nicht eine große schneenation, die ein bißchen schnee problemlos schnupfen können sollte? ein schneechaos in england ist eine laune der natur, bei uns aber ein deutliches zeichen für dummheit, fehlplanung und versagen.
den wunderschönen sonnigen dienstag haben wir dann im leicht gezuckerten cambridge verbracht, was mich an meine früheren reisen durch südengland erinnert hat. einige meiner intensivsten erfahrungen damals hatten mit gotischer architektur zu tun, und davon sieht man in cambridge wirklich viel. die gotik hat schon was geniales, gar nicht so wegen den ornamenten, sondern wegen dieser art, in den raum hineinzuragen und ihn dadurch zu strukturieren und zu zerreißen. das finde ich einfach wahnsinnig faszinierend. und die gotik betritt die dritte dimendion nicht nur, indem sie hineinragt, also zum beispiel in die höhe wächst, sondern sie spielt auch mit ihr, indem sie zum beispiel wunderbare windschiefe (im geometrischen sinne des wortes, nicht im abschätzig-landläufigen) und aus jedem blickwinkel anders wirkende strukturen erlaubt und auch enthält. das macht architektur erst wieder in der moderne, wenn ich mich nicht irre.
die beiden dinge haben nun auf den ersten blick wieder nix miteinander zu tun, aber für mich persönlich sehr wohl. ich bin nämlich gar kein besonderer schneefan, jedenfalls nicht, wenn er schon liegt und öde dahinschmilzt. wenn er aber fällt, dann finde ich das schon sehr cool. wenn ich wollte (will ich nicht, aber wenn!), könnte ich stundenlang im schneegestöber stehen, mit kindlicher faszination nach oben blicken und mit offenem mund den dreidimensionalen tanz der schneeflocken beobachten. und diese dreidimensionalität ist das, was für mich schnee und gotik gemeinsam haben. und das (und nur das) ist auch an american football und sonstigen ansonsten nicht sonderlich interessanten sportarten ästhetisch oder sonstwie ansprechend.
zum thema dreidimensionalität und wechselnden blickwinkeln gab es auch im tate modern viel zu sehen, zum beispiel diverse skulpturen von henry moore und konsorten, aber auch sehr interessante und mir bisher unbekannte von hélio oiticica, die zum teil die grenze der dritten dimension gerade nur so ein wenig penetrieren, oder auch minimalistische spiegelskulpturen, die leider nicht wirklich begehbar waren. es ist schon ganz was anderes, wenn man sich in einem kunstwerk befindet, wie auch zb. im jüdischen mahnmal in berlin, als einfach nur davor zu stehen. und ich muß sagen, im tate modern habe ich die skulpturen fast durchwegs interessanter gefunden als die an sich auch nicht gerade uninteressanten gemälde. es war also insgesamt eine reise voller dreidimensionalitäten und wechselnder blickwinkel.
und wenn wir schon bei wechselnden blickwinkeln sind, laßt mich bitte noch ein thematisch mit den bisherigen ganz und gar unzusammenhängendes thema mit den bisherigen zusammenhängen. in england ist so vieles anders als hier, nicht nur der umgang mit dem schnee. in den pubs herrscht rauchverbot, aber es stört niemanden, und tausende engländer stehen selbst bei minusgraden und schnee hemdsärmelig mit einem ale in der einen und einer zigarette in der anderen hand draußen vor dem pub, und es funktioniert auch (überhaupt sind in london viele schanigärten in betrieb und werden auch frequentiert, sogar trotz fehlender heizstrahler). und viele pubs schließen um elf, sprich bis dahin herrscht wirklich hochbetrieb (wirklich! da stehen die leute in der tür und können sich kaum bewegen), und es funktioniert trotzdem, da ist kein kellner überfordert und alle bekommen ihre getränke, und um elf sind die meisten besoffen genug, um heimzugehen und zuhause noch ein bißchen abendprogramm zu gucken.
was wir daraus lernen, ist nichts anderes als daß man die selben dinge auf eine million unterschiedliche arten regeln kann. und wer könnte von sich behaupten, die ultimative und allen gleichermaßen entgegenkommende regelung zu finden? niemand. und deswegen, aber das wissen wir bereits aus anderen posts, bin ich absolut kein fan davon, daß jemand anderen sagt, wo und wie es langgeht. und so kann ein unschuldiger post über schnee und gotik auf umwegen zu einer grundlegenden sehr politischen aussage führen.