ich habe es heute getan und habe auch postwendend rüffel dafür bekommen. ist mir in diesem fall egal, denn endlich habe ich das gefühl, eine sinnvolle verwendung für mein eh nur marginal vorhandenes wahlrecht zu haben.
wahlwechsel bedeutet, daß ich als potentieller wähler, der aber nicht wählen möchte (die gründe dafür wurden in diesem blog schon mehrfach genannt, und ich werde auch diesmal nicht drum herum kommen, sie nochmal zu nennen), jemandem, der gern wählen möchte, aber nicht darf, mein stimmrecht weitergebe. in der praxis bedeutet es, daß mir so ein nicht stimmberechtigter jemand seinen wahlwunsch mitteilt und darauf vertraut, daß ich mein kreuzerl für ihn setze.
genau hier setzt der einzige kritikpunkt an, den ich gelten lassen kann. wahlwechsel setzt ein gewisses gegenseitiges vertrauen voraus, man möchte ja nicht jedem dahergelaufenen idioten sein stimmrecht abgeben, und umgekehrt möchte man auch nicht jedem solchen seinen wahlwunsch verraten und dann darauf hoffen, daß er sich auch daran hält.
ich habe leider in den paar tagen, seit ich davon gehört habe, keinen wahlwechsler persönlich kennengelernt und konnte mich also auch nicht mit einem politisch interessierten nichtwahlberechtigten darüber unterhalten und ihm nach einer diskussion einen wahlwechsel vorschlagen. ich weiß, ich hätte nur in meinem haus ein paar nachbarn anquatschen müssen, habe ich halt nicht getan. stattdessen habe ich mich auf der wahlwechsel-page als interessent angemeldet und heute früh, gerade noch rechtzeitig, per email die möglichkeit bekommen, entweder selbst noch eine bei einer wahlwechsel-veranstaltung abgegebene stimme zu ziehen, oder eine von einem der betreiber für mich gezogene stimme zu akzeptieren.
es stimmt, ich habe mich nicht persönlich davon überzeugen können, daß es sicher hierbei auch wirklich um die einzige stimme eines nichtwahlberechtigten und politisch halbwegs annehmbar denkenden menschen handelt. wie gesagt, für diesen kritikpunkt stehe ich gerade, selbst wenn ich annehmen darf, daß die wahlwechsel-betreiber (der verein ENARA, "European Network Against Racism Austria") bei der gestrigen veranstaltung darauf geschaut hat. aber vielleicht gebe ich ja auch nur die stimme von jemandem von ENARA weiter, während er munter selbst wählen geht. nächstes mal werde ich das ganze gewissenhafter vorbereiten, versprochen. anmeldungen für zukünftige wahlwechsel nehme ich jetzt schon entgegen.
die häufigste frage ist: würdest du auch die FPÖ wählen, wenn dir das jemand aufträgt? tja, das ist eine gute frage. es ist niemand gezwungen, wahlwechsel zu praktizieren, und es steht jedem frei, sich über den potentiellen wahlwechselpartner zu informieren und im vorfeld auch politische diskussionen zu führen. ich würde selbstverständlich jemandem, der politisch nicht auf meiner wellenlänge ist, keinen wahlwechsel anbieten. wenn ich es aber doch tun sollte, weil es mir in der gegebenen situation möglich erscheint, dann müßte ich selbstverständlich die wahlentscheidung auch hinnehmen und die spielregeln von wahlwechsel akzeptieren. müssen bedeutet hier keinen zwang, sondern eine innere haltung, und spielregeln bedeuten keineswegs, daß es sich hierbei um ein spiel handelt!
ich habe es getan und bin damit ganz zufrieden. ich mußte mich dabei auch nicht verbiegen. warum ich mitgemacht habe, hat mehrere für mich sehr gute gründe:
- ich wäre sonst nicht wählen gegangen (gründe dafür siehe weiter unten).
- jemand anders wäre gern wählen gegangen, durfte aber nicht.
- es ist eine gute initiative, die ein grobes demokratiedefizit thematisiert.
- es ist eine gute initiative, die über das bloße thematisieren hinaus auch tatsächlich den politischen willen einiger von der wahl ausgeschlossener menschen legal ins system einfließen läßt.
wer lieber selbst wählt, bitte. wahlrecht ist eine großartige errungenschaft, keine frage. deswegen setze ich mich auch aktiv dafür ein, daß jemand, der gern auch ein wahlrecht hätte, über wahlwechsel diese chance bekommt. aber ich halte das wahlrecht für keine verpflichtung.
viele schlagen auch vor, wenn man nicht mit den angebotenen alternativen zufrieden ist, soll man doch weiß wählen. mit verlaub, ich halte weiß wählen für die absolut schlechteste wahlmöglichkeit. erstens tauchen die weißwähler in den statistiken, die man als normalsterblicher am wahlabend zu gesicht bekommt, nicht auf:
© ORF.at, 10.10.10 gegen 19:15
© derStandard.at, 10.10.10 gegen 19:15
© derStandard.at, 10.10.10 gegen 19:15wenn man etwas genauer nachschaut, findet man zwar auch etwas über gültige und ungültige stimmen, da sind aber weißwähler mit all jenen in einem topf, die vielleicht zu blöd sind, den kreis zu treffen, die lieber smileys malen als kreuze oder die mit dem wahlzettel sonst irgendwelchen unfug treiben. als politisches signal ist weißwählen jedenfalls absolut ungeeignet.
© ORF.at, 10.10.10 gegen 19:15. hier darf man sich die ungültigen stimmen selbst ausrechnen.
© derStandard.at, 10.10.10 gegen 19:15. dieses kreisdiagramm zeichnet sich selbst im uhrzeigersinn und offenbart im letzten moment den dünnen grauen balken kurz vor 12 uhr, der aber auch für sonstige stehen könnte, bevor es vom obigen bild abgelöst wird.nicht wählen gehen hat gründe. als nichtwähler kommt man in die statistiken, zwar wiederum in einem topf mit allen anderen aus anderen gründen nichtwählern, aber gut, damit kann ich leben. ich habe in diesem blog schon einmal die frage gestellt, ab welcher wahlbeteiligung eine regierung oder ein bundespräsident tatsächlich demokratisch legitimiert sind - das sollte man meines erachtens unbedingt in der verfassung definieren. nicht wählen ist jedenfalls ein zeichen, das gesehen und auch immer wieder diskutiert wird. viel ist in richtung wählermotivation nicht passiert, aber diverse skandale über wahlbetrug und dergleichen sowie die anbiederung der großparteien an blau und die innergrünen zerwürfnisse tragen ja nicht gerade zum vertrauen in das system bei. mag sein, daß die sinkende wahlbeteiligung zum teil auch anders erklärbar ist, den größten anteil hat meiner vermutung nach die unzufriedenheit mit dem system der repräsentativen demokratie und deren folgen.
wenn man mit dem system nicht einverstanden ist, wäre weiß wählen gehen so wie auf spam mit "unsubscribe" zu antworten. es bringt nichts, aber man bleibt teil des systems. doof. kommt für mich einfach wirklich nicht in frage.
gleichzeitig bin ich aber überzeugter demokrat und wünsche mir ein besseres system. vorschläge gibt es genug, zum teil auch in diesem blog. im moment reicht es mir, auf das konzept
liquid democracy zu verweisen. wenn ich meine stimme nicht für etliche jahre an einen verein, dessen ansichten nicht zu 100% mit meinen übereinstimmen, verschenken muß, sondern in allen fragen mitentscheiden darf, mache ich von diesem recht in allen punkten, die mich tangieren, sehr gern gebrauch. bis dahin eben nicht.
ich möchte hier niemanden persönlich verletzen, aber aussagen wie "x prozent der bevölkerung sollten eigentlich gar nicht wählen dürfen, weil sie zu [beliebiges negatives adjektiv einsetzen] sind" halte ich für schwer undemokratisch und unreif. demokratie lebt davon, daß jeder mitentscheiden darf. wenn jemand andere davon ausschließen möchte, dann ist es mir egal, ob es wegen deren herkunft, bildungsstand oder IQ ist, ich finde das ziemlich daneben.
ich wünsche mir eine politik, die von sachthemen und nicht von persönlichkeiten geprägt wird, und in der private befindlichkeiten oder wirtschaftliche abhängigkeiten von einzelpersonen keine rolle spielen, sondern die mehrheit entscheidet. wäre ich repräsentant in einem solchen politischen system, dann würde ich, wenn die mehrheit es will, auch jeden donnerstagtag lustige lila hüte tragen und auf einem bein hüpfen. ich gehe allerdings mit größter überzeugung davon aus, daß in einer solchen demokratie mündigkeit und bildung zunehmen und angst vor bzw. hass auf mitmenschen abnehmen würden.
repräsentative demokratie ist schon eine wichtige errungenschaft, deswegen setze ich mich durch wahlwechsel auch dafür ein, daß die stimme von menschen, die im jetzigen system keine stimme haben, gehört wird. gleichzeitig möchte ich mit meiner eigenen stimme nicht an diesem spiel teilnehmen, weil ich mit den wahlmöglichkeiten nicht zufrieden bin, und weil ich finde, daß es inzwischen bessere alternativen gibt, die in die praxis umgesetzt werden sollten.
für mich ist selbst wählen daher wie gesagt keine wirkliche option, weiß wählen einfach nur blöd, nicht wählen durchaus bequem und logisch, wahlwechsel aber eine wirklich intelligente lösung, die sich mit meinem demokratieverständnis absolut vereinen läßt. anders darüber denken ist erlaubt. ich freue mich jedenfalls über dieses neue konzept und werde auch in zukunft für andere wählen gehen, solange dies notwendig sein sollte.