petras gastkommentar über lehrermehrstunden
Wednesday, 4. March 2009, 17:04:10
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Liebe alle!
Sicherlich habt ihr alle die derzeit laufende Diskussion über die Pläne unserer lieben Frau Bundesministerin verfolgt, die Unterrichtszeit der Lehrer um 2 Stunden pro Woche zu erhöhen, freilich bei gleichbleibendem Gehalt.
Ich schreibe dieses mail aus dem Grund, weil mich diese öffentliche Diskussion wahnsinnig aufregt, da ich immer mehr den Eindruck bekomme, dass das Bild von uns LehrerInnen in der Gesellschaft ein unglaublich verzerrtes ist. Der Tenor der Bevölkerung ist nämlich nicht, so wie ein denkender informierter Mensch meinen würde, ein unglaublicher Aufschrei ob dieser geplanten Maßnahme und neuerlichen Attacke auf unser Bildungssystem, sondern mehr oder weniger offen geäußerte Zustimmung nach dem Motto "Endlich sollen die mit ihrem Halbtagsjob auch mal was hackeln."
Ich möchte hiermit einige Dinge klarstellen, von denen ich nach wiederholten Erfahrungen in Gesprächen mit Außenstehenden (Eltern, Angehörigen anderer Berufsgruppen) weiß, dass sie der Öffentlichkeit einfach nicht bewusst sind oder sich niemand die Mühe macht, darüber nachzudenken.
Erstens: 2 Stunden mehr unterrichten heißt nicht 2 Stunden mehr arbeiten. Es heißt diese Stunden auch vor- und nachbereiten (=: sich ein pädagogisches Konzept machen, wie man was wann am besten rüberbringt = nachdenken. Dann dazu Material suchen = im Internet, Lehrbüchern, Journalen.... recherchieren. Dann das Ganze aufbereiten = selber ausarbeiten, möglichst noch in ein "Offenes Lernen"-Konzept verpackt = Arbeitsblätter+Lösungsblätter machen,...); das ist aber noch nicht alles, weil das Zeug, das man vorbereitet hat, muss man dann auch noch kopieren / folieren / zusammenschnipseln... Ergo: 2 Stunden mehr unterrichten heißt 4 Stunden mehr arbeiten. Da ist aber noch nicht eingerechnet, dass man mitunter Schularbeiten und Tests macht, Hausübungen verbessert oder gar einen Lehrausgang organisiert. (Von erzieherischer und/oder Betreuungsarbeit wie Streitereien der SchülerInnen schlichten oder Elterngespäche führen, ganz abgesehen.) Natürlich gibt's Schulbücher, die einem einen Großteil der Arbeit abnehmen, aber der gute alte Frontalunterricht (= Buch aufschlagen, vorlesen, Buch zumachen, gehen) ist doch nicht, was wir alle wollen, oder? Weiters: eine Stunde unterrichten ist nicht wie eine Stunde im Büro sitzen. Unterrichten heißt, 50 Minuten ohne Pause ständig konzentriert sein und dabei 20-30 Leute im Auge behalten. Vielleicht ist es so wie als Anwalt verhandeln oder als Arzt operieren (ich sage vielleicht, denn mir ist bewusst, von wessen Arbeit ich eine Ahnung habe und von wessen nicht). Und das mitunter 6 Stunden durchgehend - wenn ich von 8h bis halb zwei ohne Freistunde dazwischen unterrichte, komme ich, man verzeihe die Ausdrucksweise, mitunter nicht mal zum Sch... (und wir wissen alle, wie ungesund das ist). Nach so einem Schultag gehe ich nach Hause und muss erst mal eine Stunde schlafen, um dann die Arbeit von s.o. erledigen zu können.
Zweitens: Es ist ein Humbug, groß zu verkünden, diese Maßnahme gehe nicht auf Kosten der SchülerInnen. Wer, glaubt ihr, zahlt denn drauf, wenn für Vorbereitungen, Projektarbeit oder auch das bloße Korrigieren von Übungszetteln zwei Stunden pro Woche weniger Zeit ist? Die Kinder wird's natürlich vorerst mal freuen, wenn es weniger kontrollierte Hausübungen gibt oder in Fächern, wo es nicht dringend vorgeschrieben ist, keine Tests mehr stattfinden. Dann sind auch die Eltern zufriedener, weil sich die Kinder weniger beklagen, und alle sind glücklich...In Summe bekommen wir aber freilich schlechter ausgebildete Kinder, wird also NATÜRLICH bei der Bildung unserer Kinder gespart und damit bei der Zukunft unseres Landes.
Elternvertreter in den Medien behaupten jedoch, endlich hätten die LehrerInnen mehr Zeit für ihre Kinder, weil sie länger bei ihnen in der Klasse sind. Das erklär mir mal einer: Zwei Stunden unterrichten heißt in meinem Fall, eine Klasse mehr in Musik, also statt 330 360 SchülerInnen. Mehr Zeit für die Kinder???????
Mich ärgert weiters die Aussage, die derzeit oft in diversen Zeitungen zu lesen ist, dass es nämlich den Lehrern nur um ihren eigenen Job ginge und nicht um die Bildung der Kinder, dass also pädagogische Interessen gar nicht diskutiert werden. Also, langsam, zum Mitdenken: Lehrer sind Lehrer geworden, weil sie Kindern etwas beibringen wollen. Verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen der Lehrer, verschlechtern sich also die Rahmenbedingungen, Kindern etwas beizubringen. Es verschlechtert sich also das, warum ich diesen Beruf ergriffen habe. Und das war jetzt nochmal was?.... Ganz klar, um die Kinder kann es hier wohl kaum gehen....
Drittens: Es ist zu hören und zu lesen, dass die Lehrer es mit Effizienzsteigerung, so wie das in der Privatwirtschaft gang und gäbe sei, locker schaffen würden, zwei Stunden weniger Vorbereitungszeit hereinzuarbeiten. Man wirft uns also implizit vor, ineffizient zu arbeiten (oder, wie die Frau Ministerin meinte, ob sie denn eine Gehaltseinbuße von 10% in Kauf nehmen würde - "Ich arbeite mit voller Kraft" - wir das nicht täten.) Erinnert euch an eure eigene Schulzeit und stellt euch einen Lehrer vor, der mit halber Kraft in eine pubertierende 5.Klasse hineingeht...Na? Erraten. Die lieben SchülerInnen tragen ihn auf den Händen wieder hinaus. Außerdem, auch wenn das jetzt hochnäsig klingt: Ich bin klug (IQ = 140). Ich bin konzentriert. Ich bin verdammt effizient bei allem, was ich tue. Schneller geht's nicht - außer man nimmt Qualitätsverluste in Kauf.
Es gibt eine Lehrerarbeitszeitstudie aus dem Jahr 2000, die zu 2/3 vom Ministerium (!) finanziert wurde. Es scheint, dass die Frau Ministerin diese nicht gelesen hat (vielleicht weil sie von der anderen Partei stammt?), in der belegt wird, dass LehrerInnen, legt man ihre wöchentliche Arbeitszeit auch auf die Ferien um, MEHR ALS 40 Stunden in der Woche arbeiten. Dies deshalb, weil es während des Schuljahres Wochen gibt, in denen aufgrund von s.o.(erstens) mehr als 50 Stunden gearbeitet wird.
Woher kommt also die Mär, wir LehrerInnen würden nix hackeln?
Mehrere Gründe fallen mir dazu ein: LehreInnen gehen, sobald sie nicht mehr unterrichten müssen, nach Hause. Was dort passiert, sieht keiner. Warum gehen wir nach Hause? Weil wir dort ARBEITEN KÖNNEN. Zuhause habe ich meinen (wohlgemerkt selbst erworbenen) Computer (in der Schule haben wir 5 Computer für 75 Lehrer1). Ich habe meine (wohlgemerkt selbst erworbenen) Materialien (Bücher, Zeitschriften, Tonträger) und vor allem, ich habe einen Schreibtisch. In der Schule habe ich einen "Arbeitsplatz", gegen den der Käfig einer Legebatteriehenne einem Luxusschloss gleichkommt. Ich kann nicht mal zwei Bücher nebeneinander hinlegen, ohne die des Kollegen nebenan runterzustoßen.
Ein weiterer Grund wäre wohl, dass es natürlich - wie in jedem anderen Job auch - Leute gibt, die einfach unfähig sind, diesen auszuüben. Die Crux der LehrerInnen ist jedoch, dass fast jeder in der Bevölkerung irgendwann mit so einem Mitglied unseres Berufsstandes in Kontakt gekommen ist - weil man im Laufe seiner (höheren) Schullaufbahn doch auf ungefähr 30 -40 Lehrerkontakte kommt. Nehmen wir im Vergleich dazu, sagen wir mal, einen Richter. Auch bei denen wird es wohl unfähige geben, doch merkt der Großteil der Bevölkerung davon halt nix, weil ja nicht jeder mal ein Verbrechen begeht oder anderweitig in einen Rechtsstreit verwickelt ist.
Außerdem: Jeder war mal in der Schule. Was dort passiert, ist nicht immer lustig, ganz einfach deshalb, weil arbeiten nicht immer lustig ist. Kinder werden in der Schule also mitunter zu etwas gezwungen, was in diesem Moment nicht ihr Primärbedürfnis ist. Und das in einem Alter, in dem sie von ihrer psychischen Entwicklung her noch gar nicht in der Lage sind, unangenehme Anweisungen (wie z.B. die Aufforderung, jetzt das Arbeitsblatt auszufüllen anstatt zu spielen) von der Person zu abstrahieren, die diese Anweisung gibt. Was bleibt, ist das Gefühl: der Lehrer ist jetzt zu mir gemein. Später, wenn Menschen über diese psychische Fähigkeit verfügen sollten, geht leider keiner mehr in die Schule, ist also niemand gezwungen, darüber nachzudenken, ob jetzt der Lehrer wirklich gemein war oder nicht. Es wird also dieses unreflektierte Gefühl ganz einfach als Urteil übernommen.
Dann machen Zeitungen Umfragen, ob die Forderung, Lehrer sollten mehr arbeiten (! was ja so nicht stimmt, siehe erstens!), gerechtfertigt sei, und heraus kommt eine Zustimmungsrate von 65%. Würde man eine Umfrage machen, ob, sagen wir, Billa-VerkäuferInnen, Zoodirektoren oder Bundesforstbedienstete 2 Stunden mehr arbeiten sollen, würde die Mehrheit der Menschen doch sagen: Was für eine absurde Frage, ich hab ja keine Ahnung, was die hackeln. Aber bei den Lehrern sind alle Experten, schließlich war doch jeder mal in der Schule und kennt sich daher aus...
Viertens: Die Frau Ministerin verlangt angesichts der schlechten Wirtschaftslage einen Solidaritätsbeitrag von uns LehrerInnen. Ich möchte eines klarstellen: Wenn es unserem Land tatsächlich so schlecht geht, dass eine nationale Kraftanstrengung erforderlich ist, um den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, bin ich die letzte, die dagegen ist. Aber dann verlange ich dieselbe Kraftanstrengung von allen, die der Staat zahlt, seien das jetzt Ärzte, Richter und Staatsanwälte, Finanzbeamte, Orchestermusiker, Verwaltungsbedienstete, Postler, Bundesforstbedienstete, Politiker oder AUA-Vorstände. Warum gerade wir Lehrer?
Dazu fallen mir wieder zwei Gründe ein: Erstens ist es populär, so etwas zu sagen. Und zweitens muss ja gerade im Bildungsministerium ein Schulversuch finanziert werden (ich rede von der Neuen Mittelschule), bei dem in Fächern wie Deutsch, Mathematik oder Englisch nicht ein, sondern zwei Lehrer in der Klasse sind. Das kostet also...mal zwei rechnen kann wohl jeder selbst. Aber, soweit ich weiß, wird der zweite Lehrer eh nur halb bezahlt. Außerdem - was wohl die meisten nicht wissen: Hauptschullehrer werden von den Ländern bezahlt, Lehrer der Mittelschule jedoch vom Bund. Und es sind fast ausschließlich Hauptschulen, die an diesem Schulversuch teilnehmen...Weiters braucht die Frau Bildungsministerin Geld für die versprochene Ganztagesbetreuung (selbst wenn man, so wie ich, für die Betreuung von 20 Kindern am Nachmittag pro Stunde netto € 6,25 bekommt, ist das ein Haufen Geld. Als ich mir das ausgerechnet hatte, wollte ich mit der Putzfrau tauschen, weil die putzt nämlich immer nur ein Klo gleichzeitig, das noch dazu auch nicht frech ist).
Ich möchte abschließend folgendes klarstellen: Ich mache eine verdammt harte Arbeit2. Und es ist eine verdammt wichtige Arbeit. Und: Ich mache sie gerne3. 90% meiner Kollegen machen sie auch gerne und arbeiten engagiert. Wir haben gerade wieder eine Kollegin mit 55 Jahren aufgrund von Burn-Out in die (natürlich schlecht bezahlte) Frühpension verloren. Ich beklage mich nicht darüber, dass meine Arbeit mitunter mühsam ist. Ich beklage mich nicht, dass ich dafür soviel bezahlt bekomme wie eine bessere Sekretärin (und die 57.000 Dollar Jahresverdienst, die die Kronenzeitung berichtet hat, soll mir diese Zeitung bitte auch bezahlen). Aber ich wünsche mir, dass meine Arbeitsbedingungen nicht verschlechtert werden, und ich wünsche mir, dass ich für meine Arbeit die Anerkennung bekomme, die ihr gebührt.
Und abschließend die Bemerkung einer Zwölfjährigen, als ich gestern mit einer 2.Klasse diese Problematik diskutiert habe und wir überlegt haben, was denn an der Schule nun so teuer ist und als ein Punkt die Ausweitung der Nachmittagsbetreuung aufgetaucht ist: "Aber wir wollen doch gar nicht in der Schule von irgendwelchen Lehrern betreut werden. Wir wollen, dass unsere Eltern Zeit für uns haben."
Wer immer von euch Kinder hat: Sie brauchen eure Zeit. Sie brauchen gar nicht ständig immer eure volle Aufmerksamkeit. Aber sie brauchen eure Anwesenheit. Das kann niemand ersetzen. Und bitte geht mal zu den Lehrern eurer Kinder, auch wenn ihr denkt, da passt eh alles. Bedankt euch für ihre Arbeit. Es tut nämlich sonst keiner.
Liebe Grüße,
eine sehr verärgerte
Petra
P.S.: Wer bis zum Schluss durchgehalten hat - ihr könnt und sollt dieses mail bitte auch weiterschicken, an alle, die's interessiert, wie es wirklich ist. Und auch an alle, die's nicht interessiert.
P.P.S.: Wer es nicht weiß: Ich unterrichte Musik und Russisch an einem Gymnasium.
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1 wir haben 2. aber vielleicht sind wir ja auch keine 75, sondern nur um die 65 lehrer... muß ich direkt mal nachzählen.
2 ich auch!
3 ich auch!














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