Tuesday, 14. November 2006, 09:13:23
nachdem die theorie anscheinend wirklich nicht viele interessiert, schreib ich halt was praktisches. ich hab nämlich am freitag schnell mal ein lied für die experience geschrieben, und vielleicht findet es jemand spannend, am kreativen prozeß, in dessen rahmen ich mehrere bewußte musikalische entscheidungen treffen mußte, teilzuhaben. um das ganze noch etwas spannender zu gestalten, setze ich das ganze in bezug zur klassischen theorie der rhetorik. wenn schon, denn schon.
ich hab in letzter zeit ziemlich viel johnossi gehört, weil die jungs ja am donnerstag den support für mando diao in der stadthalle geben, und da die beiden nur aus gitarre und schlagzeug und gesang bestehen, war ich einigermaßen inspiriert, nicht gleich harmonisch, sondern eher gitarrenriffig an die sache heranzugehen. das deckt sich wiederum auch mit dem anspruch, den ich felix schon mal mitgeteilt habe, daß wir was total eingängig-griffig-riffiges á la frühe kinks brauchatn.
eigentlich wollte ich ja nur die paar lieder, die ich schon länger in arbeit habe, vervollständigen, sprich die texte endlich fertigschreiben und die fehlenden musikalischen bausteine ergänzen. daraus wurde natürlich nix, weil ich zuerst ein bißchen auf der gitarre herumgeklimpert hab und dann ziemlich schnell bei dem folgenden riff hängengeblieben bin:
4 1 2 3 4 1 2 3 4 1 2 3 4 1 2 3
D -------------------------------
A -----------3-----3-5-----------
E -3-5-----5---------------------
an sich natürlich nix großartiges, aber in verbindung mit einem schönen fetten beat (snare auf die 3) kommt das durch die vorgezogenen achteln schön groovy. wer damit übrigens nix anfangen kann, sollte wissen: das ist eine gitarrentabulatur. gitarre in die hand nehmen, die angegebenen bünde greifen und die jeweilige saite zupfen, geht schon.
das war der erste einfall, und damit sind wir schon bei den fünf produktionsschritten der rhetorik. der erste schritt lautet
inventio und enthält die ersten thematischen einfälle und die auffindung der dazugehörenden argumente.
zum riff mußte ich also die passenden zusätze liefern, in diesem fall vorrangig eine melodie. ich hab ein bißchen rumprobiert, was dazupaßt, und hatte recht schnell etwas, was vom
e runterkommt, das
d umspielt und dann wieder zum
e hinaufsteigt, um schließlich zum
a runterzufallen. wen die rhetorischen figuren interessieren, es ist eine
circulatio drin.
das ganze klang jetzt eher nach refrainmaterial, also hab ich was für die strophe gebraucht. wichtiger gedanklicher schritt: die strophe sollte etwas tiefer liegen als der refrain, womit die ausgangsposition schon fast eindeutig vorgegeben war. wenn man, wie ich in diesem fall, kontrapunktisch denkt, fällt das
a flach, weil es eh im bass kommt, und dann kommt als konsonanz dazu eh nur mehr das
c in frage. ich hab also was gesucht, was vom
c wieder aufs
a runtergeht, damit bin ich gegen ende des riffs auf der quint und hab nicht nur eine tiefere lage, sondern auch einen kleineren tonumfang als im refrain. nachdem man dinge nicht mehr als dreimal unverändert wiederholen sollte, erweitert die vierte zeile der strophe die melodie um eine kleine terz nach oben und hat erstens eine schöne dissonanz einer verminderten quint drin (
saltus duriusculus) und kommt zweitens bis auf einen halbton an den refrain heran.
damit hätten wir das grundlegende musikalische material schon und können zum nächsten schritt übergehen, der
dispositio, der gliederung des ganzen. über formenlehre haben wir ja schon geschrieben, aber wenn wir das ganze schon mit hilfe der rhetorik beleuchten, sollten wir auch die für die
dispositio üblichen teile verwenden, nämlich gleich die fortgeschrittene version, die man zb. auch in bach-fugen findet. dann schaut das ganze so aus:
name bedeutung im lied
-------------------------------------------------------
exordium eingang intro
narratio bericht 1. + 2. strophe
propositio antrag refrain + interlude + 3.strophe
confutatio widerspruch refrain + solo
confirmatio bekräftigung interlude + bridge
peroratio schluß 2 refrains
so, was heißt das jetzt im detail bzw. was soll diese zuordnung?
exordium ist schon mal klar, da wird mal der grundsätzliche ton klargestellt, der zuhörer wird angesprochen und hoffentlich zum zuhören motiviert. die drums beginnen, dann steig der bass mit dem riff ein.
dann kommt die
narratio, der bericht aus der vergangenheit, was den zuhörer bei seinen eigenen erfahrungen packen soll: das problem kennt er auch. in diesem fall sind es die ersten beiden strophen, zunächst nur eine gesangslinie über der rhythmusgruppe, dann von zarten gitarrenfills begleitet.
die
propositio beinhaltet den eigentlichen inhalt: darauf will ich hinaus. das ist in unserem fall natürlich der refrain, bei dem es etwas härter hergeht, powerchords und so, dem aber sofort wieder ein interlude und eine strophe folgen, die die luft wieder rausnehmen. man könnte also sagen, es geht im ganzen rein musikalisch gesehen darum, die beiden prominenten bausteine refrain und riff zu vereinigen.
die
confutatio untergräbt dieses prinzip aber, indem hier dem refrain kein interlude folgt, sondern die volle besetzung beibehalten und sogar noch ein gitarrensolo draufgelegt wird. die erwartungen werden also enttäuscht (das heißt nicht, daß felix nicht schön spielt! das ist jetzt rein rhetorisch so, und außerdem eh der logische schritt an dieser stelle), der refrain deckt den riff zu.
deswegen brauchen wir die
confirmatio, bevor es zu ende gehen kann... da gewinnt doch nochmal das riff und bekommt gelegenheit, sich über ein paar takte auszubreiten und sich mit einer neuen melodie, die rhythmisch und textlich schon den refrain vorwegnimmt, zu vereinen.
die
peroratio ist dann nur noch der schluß, wo wir mit zwei refrains in double time nochmal ordentlich abrocken. das riff läuft natürlich mit und bleibt ganz am schluß auch nochmal für einen atemzug allein über. und alle sind glücklich und gehen händchenhaltend nach hause...
natürlich hab ich mir das nicht so überlegt, als ich mich mit der
dispositio befaßt habe, aber nachträglich fügt sich alles schön in diese unterteilung, was entweder bedeutet, daß ich das ganze unbewußt angewendet habe (ich hab mich ja relativ detailliert damit beschäftigt, das war das thema meiner defensio), oder aber einfach zufall ist. oder die nachträgliche vergewaltigung eines kunstwerks. wie auch immer...
nachdem ich das auch hatte, kam die
elocutio dran, das eigentliche ausarbeiten des textes, die einkleidung der gedanken in worte, die sprachliche gestaltung. das ist normalerweise das mühsamste, aber diesmal hab ich mir vorgenommen, es mir einfach zu machen.
ich mach das immer so, daß ich schon beim finden der melodien versuche, wortfetzen dazuzufinden, damit zumindest mal rhyhtmus und wortmelodie wirklich zur musik passen. zu diesem zeitpunkt hab ich in der regel noch keine ahnung, worum es im jeweiligen lied gehen wird, und das ergibt sich auch erst, wenn es mir gelingt, aus den silben und wortfetzen einen halbwegs vernünftigen satz zu basteln. dann schau ich, was ich eigentlich zu diesem thema sagen will, und versuch das in worte zu fassen.
in diesem fall war das erste, was ich hatte, die erste zeile des refrains:
i didn't know you had to go. ok, es geht also um jemanden, der von seiner freundin verlassen wurde (das ist die klassische interpretation, man könnte sich auch andere szenarien vorstellen, in denen eine großmutter oder lassie vorkommen). zu diesem thema kann ich nicht mit sehr viel einschlägiger erfahrung dienen, aber es war klar, daß ich mal folgendes festhalten muß: a) wie es dem objekt des verlassenwerdens dabei geht und b) was vielleicht dazu geführt hat.
das erste, was mir zur melodie der strophe eingefallen ist, war
i cannot breathe / i cannot move. eine gute erste zeile, die auch in das unter a) genannte schema paßt, aber man muß erst einen reim drauf finden. auf
move geht
prove,
remove oder, was mir wesentlich besser gefällt,
groove. und das hat nicht nur eine konsequente fortführung der anapher erlaubt, sondern auch einen angedeuteten binnenreim auf
breathe und ein schönes wortpaar, bei dem die konsonanten übereinstimmen und nur ein vokalwechsel von palatal auf velar stattfindet (hat irgendeiner der streber eine ahnung, ob das als rhetorische figur auch einen namen hat?):
i cannot grieve/i cannot groove. gut, ist ein ziemlicher schwachsinn, könnte man einwenden, aber dann will ich auch einen gegenvorschlag hören. es geht dann mit zwei antithesen weiter:
i cannot laugh/i cannot cry//i cannot live/i cannot die.
soweit so gut, zweite strophe. jetzt sollten wir uns den möglichen gründen für das verlassenwerden zuwenden, und das läuft ganz gut mit dem obigen schema, nur halt in der vergangenheit. da sind jetzt einige ellipsen drin, die nur etwas andeuten, aber nicht aussprechen. interpretationsfreiraum sozusagen.
i couldn't feel it/i couldn't see//i couldn't make you/i couldn't be//i couldn't give/i couldn't buy//i couldn't lie. die letzte zeile ist natürlich ein versteckter angriff und birgt so schön viel konfliktpotential, daß sie nicht weitergeführt wird und dann eigentlich nur noch in krach und refrain weitergehen kann.
selbiger bleibt der anapher verhaftet und lautet im moment
i didnt' know you had to go//i didnt' know he'd love you more//i didnt' know i'd miss you so/i didnt' know... before (für korrekturen betreffend reported speech bzw. alternativen bin ich dankbar). und damit wäre der text auch schon auf dem momentanen stand, es fehlt dann eigentlich nur noch eine dritte strophe, mal sehen was da noch kommt.
damit wäre das lied dann auch schon fertig. die fehlenden arbeitsschritte sind
memoria, also das einstudieren, woran wir schon fleißig arbeiten, und
pronuntiatio bzw.
actio, was hoffentlich mitte dezember im rahmen eines geplanten doppelkonzerts von
soundjetzt und
the ingeborg bachmann experience erfolgen wird. das wird echt ein legendärer abend, wir haben wesentlich mehr programm als im april und sind auch sonst etwas besser zusammengespielt und gereift. also in euren kalendern bei mitte dezember bitte notieren: super konzert!
ansonsten kann man nicht viel dazu sagen, außer daß mir seit einigen tagen der anfang eines solos im kopf herumgeistert, das eigentlich so anders ist, daß es schon wieder wirklich gut in das lied passen würde. ich glaube, für die studioversion werd ich es einfach als sample einfügen. ich wußte nicht, woher es stammt, hab zuerst an bob dylan und sogar an blur gedacht, aber heute nacht hatte ich die erleuchtung und zum glück auch die CD gefunden: es ist aus
the girl with no name von den byrds, vom an sich schon genialen album
younger than yesterday, auf dem neben vier hillman-kleinoden auch das gestörteste lied aller zeiten (
mind gardens) und das beste nicht-bond-lied aller zeiten
everybody's been burned (ein nicht-bond-lied ist ein lied, das von der harmonischen anlage her als bond-lied durchgehen würde, aber tatsächlich nicht in einem bond-film vorkommt) drauf ist. sollte das jemand aus hollywood lesen, bitte unbedingt einen bond-film um das lied herum basteln, der titel ist ja auch einigermaßen bondesque. und wenn wir schon dabei sind, bitte als fortsetzung gleich auch das selbe mit dem zweitbesten nicht-bond-lied aller zeiten (ganz ganz knapp hinter dem ersten!), also
trip into the dawn von der experience (hier ein hoch auf felix, der mit einer ganz anderen arbeitsweise als ich wirklich gelungene lieder schreibt), auch wieder sehr bondesque. und bitte ja nicht mit daniel craig, und roger moore muß auch nicht sein. mein favorit wäre wieder pierce brosnan, sean connery würd ich auch noch durchgehen lassen. und in
everybody's been burned wäre ein gastauftritt von niki lauda naheliegend, aber damit verlasse ich schon das eigentliche thema...