rüge, entschuldigung und klassische musik
Sunday, 15. July 2007, 22:00:07
und wenn ich schon dabei bin, mich auf den vorhergenden post zu beziehen, muß ich mich gleich entschuldigen. billiger- und inkonsequenterweise habe ich nämlich die koralle stets im plural angesprochen und dabei außer acht gelassen, daß sie als kolonie von unzähligen korallenpolypen quasi als metaorganismus durchaus auch im singular funktioniert und damit auch meiner metapher den letzten kick gegeben hätte. ich schäme mich ja so.
und nun zum dritten thema. wir waren von gestern auf heute in krems, schon ursächlich der klassischen musik wegen (eigentlich hatte unser plan für das wochenende drei fixpunkte, nämlich wandern, ikea-möbel in salzburg abholen und eben die musik, aber irgendjemand, ich sage ja keine namen *hustdaswetter*, hat uns einen strich durch die rechnung gezogen. so angenehm sind die ersten beiden dinge bei 100°F auch nicht.), denn diverse nachbarinnen, ex-kompositionsprofessoren und brüder bzw. schwäger in spe haben beim abschlußkonzert der kremser chorakademie mitgesungen, in der kirche direkt neben dem legendären jazzkeller, in dem auch schon größen wie edwin prohaska und the ingeborg bachmann experience aufgetreten sind, aber das nur der vollständigkeit halber. das konzert ist aber jetzt gar nicht so das thema, sondern das (zwar nicht direkt, sondern erst nach einer ausgedehnten konsumation hefehaltiger getränke) anschließende klassik-picknick.
in krems gibt es ja seit einer weile ein pilotprojekt, nämlich die nächtliche beschallung des hohen marktes mit klassischer musik. das soll die betrunken randalierenden jugendlichen fernhalten bzw. vertreiben. nun ja, abgesehen davon, daß es nicht so richtig funktioniert, hat die sache mehrere aspekte, die wir zu später stunde bei einem hefehaltigen getränk vor ort zu diskutieren gedachten. was wir dann auch taten.
problem nummer eins ist, daß man die musik nur dann gut hört, wenn man ruhig ist. falsch, wenn alle in der näheren umgebung ruhig sind. eh klar, immerhin will man ja die anrainer nicht lärmbelästigen, so ein bruch violinkonzert (op. 26, g-moll) würde mich um halb zwei, wenn ich gerade zu schlafen versuche, nicht unbedingt in entzückungszustände versetzen. also plätschert die sache recht leise dahin, sodaß selbst anwesende musiklehrer schwierigkeiten hatten, alle stücke zu identifizieren. dem ipodohrstöpselgeschädigten publikum des szenelokals q-stall wird die musik gelinde gesagt wurscht sein. und selbst wenn mal zwischendurch eine ungarische rhapsodie kurzzeitig über die wahrnehmungsgrenze schwappt, ist sie eigentlich eher angenehm als un-.
daraufhin gaben wir uns überlegungen hin, was (außer der lautstärke) notwendig wäre, um tatsächlich jugendliche zu vertreiben. die erste idee war natürlich etwas monotones, repetitives, was die von mir ja sehr geschätzte minimal music für diesen inhumanen zweck (und damit wären wir schon beim zweiten problem, siehe später) mißbraucht hätte, dann kamen wir aber über schönberg (naja, zumindest diskussionswürdig) und sonstige avantgardisten auf die idee, statt musik überhaupt etwas gesprochenes zu nehmen, beispielsweise ein stück von thomas bernhard. der absolute overkill dürfte aber eine langweilig gesprochene analyse eines langweiligen thomas-bernhard-stückes sein. wir jedenfalls waren einstimmig der meinung, daß man die playlist am hohen markt zum vorgegebenen zweck dringend abändern müßte.
so, jetzt also zum versprochenen zweiten problem. irgendwie finde ich es ja kacke (man verzeihe mir den fäkalausdruck), daß man etwas an sich schönes, heutzutage vielleich einigermaßen miß- bzw. unverstandenes noch weiter negativ belegt, indem man es dazu benutzt, menschen von irgendwo fernzuhalten oder zu vertreiben. finde ich nicht schön. das ist pfui. indem man den zweck der aktion so kommuniziert, tut man jedenfalls der klassischen musik und damit einhergehend der humanistischen bildung allgemein keinen gefallen. im gegenteil.
würde man hingegen anpeilen, die jugendlichen durch die klassische musik ein bißchen zur ruhe, zum zuhören und zum nachdenken zu animieren, hätte die sache gleich einen positiveren beigeschmack. man könnte den vorhandenen kultfaktor (kremser bzw. kremskundige jenseits der 20 verstehen sofort, was man mit klassik-picknick meint) bewußt ausbauen und davon profitieren. wie auch immer.
ob man jetzt die jugendlichen vertreibt, beruhigt oder nicht mal ansatzweise tangiert, ist im grunde einerlei, denn die musikrezeption knapp oberhalb der wahrnehmungsschwelle führt auf jeden fall zu einem wiedererkennungseffekt. verbunden mit der tatsache, daß sich die meisten der anwesenden durch alkohol, drogen oder körpereigene sexualhormone durchaus ganz wohl fühlen dürften, entsteht dabei eine sehr schöne positive verankerung der klassischen musik mit dem wohlbefinden. und dagegen ist ja nichts einzuwenden. also vergeßt das mit dem vertreiben, und laßt uns einfach mehr gute (muß ja nicht unbedingt klassisch sein) musik hören.














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