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Joice und Buffy

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Joice und Buffy

Ich war zu spät in Reims weggefahren. Zudem war auch das Wetter nicht gut; der Himmel hing, wie ein schwerer tropfender Wolkenbauch über der Landschaft, und so würde es Nacht, noch bevor ich den Anstieg zu den Vogessen erreicht hatte. Ich war schlechter Laune und schaltete die Scheinwerfer ein.

Da sah ich plötzlich in der Dämmerung grau in grau am Strassenrand eine vermummte Gestalt. Eine jüngere Frau. Nein, eine junge Mutter mit ihrem Kind. Sie hatte sich den Mantel wie einen Schleier über den Kopf gelegt, um sich gegen den Regen zu schützen, und presste unter diesem notdürftigen Regendach ein schlotterndes Mädchen von 6-7 Jahren sehr fest an ihre Seite.

Wird eine Mutter aus der Umgebung sein, die vor Einbruch der Dunkelheit noch schnell über den Berg ins nächste Dorf will, denke ich und drückte auf das Bremspedal.

" Bon soir, Madam, vouz allez à Colmar ?"

" No, I'll go to Florence, is it the right way ?"

Mir verschlug es den Atem, Also keine Mutter aus dem nächstbesten Dorf. Was ich da aufgelesen hatte, war sie eine Amerikanerin.

Ob ich nach Colmar fahre, fragt sie. Sie wolle zunächst nach Florenz. Und später dann nach Afrika. Oder vielleicht nach Kleinasien, je nachdem, wie sich das ergebe. Sie sei von daheim weggegangen, um die Welt kennenzulernen. Ich war überfordert. Verschlukte die paar englischen Sprachfetzen, die mir zu Verfügung stehen, und denke; verrücktes Weibsbild, die hast doch wohl nicht alle Tassen im Schrank. Mit einem so jungen, gerade erst schulpflichttigen Kind einfach von daheim weggelaufen, um sich die Welt anzusehen. Von Amerika aus. Per Autostop. Stellt sich in dieser gottverlassenen Gegend bei Nacht und Regenwetter einfach so an die Strasse hin als hübsche Offerte, als ob ihr nichts passieren könnte.

Wie die wohl von San Franzisco aus bis an den Fuss der Vogessen gekommen ist ? Das junge Ding hatte doch eigentlich ein sauberes offenes Gesicht, sonst hätte man auf dumme Gedanken kommen können. Es gibt auch autostoppende Mädchen, die ihr Fortkommen auf sehr naheliegende Art bezahlen, das weiss man.

Sie hätten in St. Dizier übernachtet, sagt sie. Vor der Abfahrt sei sie mit dem Kind noch in der Kirche gewessen. Es sei so schwer, einem Kind zu erklären, wer das sei der liebe Gott.

Wenn die geahnt hätte, dass ich Geistlicher bin. Ich war in Zivil, mit Rollkragenpullover. Hat mich warm gehalten, dieser Pullover. Und von meinem Gesicht hat sie die Geistlichkeit nicht ablesen können, nein, bestimmt nicht.

Was denn die Mutter zu ihre Weltreise gesagt habe, frage ich die Frau. " Meine Mutter ist tot ", sagt das junge Wesen. Fertig. Eine weitere Rückfrage habe icht gestellt.

Sie heisse Joice und ihre Tochter Buffy, ergab sich dann noch. Joice und Buffy hatten eine Vorgeschichte. Aber diese Vorgeschichte gehört mir nicht. Sie hatten bloss gesagt, das sie Joice und Buffy hioessen; und dass sie mit mir zusammen - über eine Wegstrecke hinweg - ihrer verborgenen Vorgeschichte gern ein gutes Kapitel hinzugefügt hätten.

Vor mir, über dm Schaltbrett, lag ein Strauss Feldblumen,den mir jemand vor der Rückfahrt geflückt und in den Wagen gelegt hatte. Ich nahm eine Blume und reichte sie über die Achsel weg nach hinten, für das Kind, für Buffy.

Dieser Blumen wegen sei sie eingestiegen, sagt die Mutter. Sie habe das Sträusschen gesehen und gedacht: da kannst du mit dem deinem Kind einsteigen, das muss ein gutter Mensch sein, der Feldblumen in seinem Auto hat.

Wir fuhren also über die Vogessen, Richtung Colmar. Und da musste ich nun, auf dieser Bergfahrt, ernstlicht Anstrengungen machen, um mein bisschen Englisch in Sätze zu verpacken. Der Weg von Colmar nach Basel sei für Autostop nicht günstig. Die deutsche Seite sei besser, da gäbe es eine Autobahn. Zudem sei es ja schon finstere Nacht. Und dann der Regen. Und Buffy habe noch bestimmt mächtig Hunger, die Kleine. Sie solle mit dem Kind zu mir nach Hause kommen, ich hätte gute Freunde, auch solche mit Kochkünsten. Und Morgen früh, nach einer guten Nacht, würde ich sie beide, Buffy und ihre Mutter, an dei autobahn bringen.

Zu hause angekommen, haben wir den beiden angewärmt und zuerst einmal tüchtig abgefüttert. Dann musste für Buffy eine Puppe organisiert werden. Und dann war da noch der Schuh mit der herablappenden Sohle.

Sie hätte diese Schuhe so gern, sagt Joice.

Wir fuhren zu einem befreundeten Goldschmied; der würde die Schuhsohle schon anleimen. Goldscmiede haben doch so viele Instrumente in ihrer Werkstatt.

Und dann gab's in der Goldschmiedefamilie auch noch fünf Kinder, auch jüngere, kleine. Und Kinder, das weiss man, brauchen keine Sprachen zu lernen, um sich zu verständigen. Es verging keine Viertelstunde, da schleiften Buffy und der kleine Dominik sich gegenseitig über den Teppichboden.

Kurzum. Buffy und ihre Mutter hatten einen schönen Abend und eine gute Nacht. Buffy wurde am Morgen mit der Puppe erwachen, und auch der Schuh war geflickt für dei Weiterreise nach Florenz.

Wir waren zuletzt ein halbes Dutzend Leute an der Arbeit, um den zwei Weltenbummlern nach dem nasskalten Tag ein gutes , warmes, schüsseldampfendes Weltbummlererlebnis zu bescheren. Und, obwohl an dieser Beihilfe für Joice und Buffy auch Frauen, Mutter, beteiligt waren - die sich über die beiden ihre eigenen Gedanken machten, dessen bin ich sicher -, hat doch keiner von uns auch nur einzige Rückfrage nach der Vergangenhaeit dieser beiden Menschen gestellt. Wir wussten im Grunde nichts über Joice und Buffy; wir haben unsere Bedenken zurückgestellt und die beiden Menschen einfach so angenommen, wie sie uns zugelaufen waren.

Am anderen Tag habe ich sie einpaar hundert Meter weit auf den Autobahnzubringer an eine günstige Stelle geführt. Wir liefen hintereinander, ich voraus. Plötzlich schieb sich das Töchterchen von hinten an mich heran und fasst mich bei der Hnad. ich wusste, die Mutter hatte es geschickt.

Und dann waren wir sie also weg, Joice und Buffy; wire zwei Schmetterlinge, die uns verfrüht im Frühjahr plötzlich unter die Augen flattern und die dann - man weis nicht wohin - wieder entschwinden.

Dieses Erlebnis liegt nun schon zwei Jahre zurück; Joice schrieb seither aus Jugoslawien, aus Griechenland und schribt jetzt aus England. Aber was sie auch schreibt, über sich, über Buffy, immer ist aus den Zeilen noch die Verwunderung darüber herauszuspüren, dass es das noch gibt: Leute, die einen Mitmenschen herzlich annehmen, so wie er ist, annehmen, ohne dass sie ihn zuerst auseinanderstückeln und nach eigenen Rezept zurechtbiegen wollen.
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