pits aktueller Kommentar

Die sozialen Sicherungssysteme in der Krise

Zu oft zum Arzt? - pits aktueller Kommentar 32-10

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Im Wartezimmer. Eine Patientin zur anderen: „Ich habe Sie hier ja lange nicht gesehen.“
Diese darauf: „Na, ich war doch krank.“

Der Witz veralbert eingebildet Kranke, solche, die bloß „mal so“ zum Arzt gehen und dort gern mit Leidensgefährten sprechen. Insoweit können Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen auf eine menschliche Schwäche, sogar auf klassische Literatur verweisen.

Ich treffe bei meiner Hausärztin selten Bekannte, obwohl mich die von meiner Krankenkasse veranlassten Vorsorgeprogramme zu regelmäßigen Arztbesuchen anhalten. Und ich mir in jedem Quartal sowieso Überweisungsscheine für Fachärzte abholen muss, die diese angeblich vor unnötigen Patientenbesuchen schützen sollen.

Die „Lotsenfunktion“ der Hausärzte belastet unbedingt diese Art von Statistik. Die gelegentlich auch dazu herhalten muss, die Belastungen des Sozialstaates durch immer mehr Kranke darzustellen.
Von reichlich 400 PatientInnen über 80 in ihrer Praxis erzählt meine Ärztin, und das Zeitmanagement bereite ihr da echte Sorgen.

Dr. Philipp Rösler, der Gesundheitsminister, verweist auf die Kosten der häufigen Arztbesuche und ist dabei gegenzusteuern. Doch was er vorhat, trifft nicht nur Kontaktbedürftige und Plaudertaschen, die auf ein regelmäßiges Happening in Wartezimmern erpicht sind.

Es heißt, in keinem anderen Land gingen die Patienten so häufig zum Arzt wie in Deutschland. „Was schlagen Sie da vor?“ wurde der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, gefragt. Eine finanzielle Beteiligung an den Behandlungskosten, war seine Antwort – „Berliner Zeitung“, 4.9.2010.
Genau dieser sozial unakzeptable Weg wird mit der eben beschlossenen Finanzreform der Gesetzlichen Krankenversicherung beschritten.

Die Reform der Ulla Schmidt mit einem System von Zuzahlungen, Praxisgebühren u.dgl. hat die Anzahl der Arztbesuche nicht genug verringert. Das soll sich mit der Röslerschen Reform nach den Vorstellungen von Schwarz-Gelb ändern! Der ist ja ein richtiger Mann vom Fach. Ein Arzt! Und ein Neoliberaler obendrein!

Kostenerstattung heißt der Schlüsselbegriff. Ein anderer: Vorkasse. Der Versicherte bezahlt die ärztliche Behandlung „vor Ort“ und bemüht sich bei seiner Krankenkasse um Erstattung.
Die Entscheidung für einen entsprechenden Vertrag mit der Krankenkasse sei ganz und gar freiwillig, wird verbreitet.

In Talkrunden geladene Mediziner schwören Stein und Bein, dass sie keinen Unterschied zwischen Patienten machen würden, ob von GKV oder PKV, wie auch immer. Nicht den geringsten! Die nehmen es glatt auf ihren Eid, dass auch Patienten der neuen „Kategorie Vorkasse“ bei ihnen keinen Vorteil haben.
Die so reden, sind aber sowieso Ausnahmemenschen. Vielleicht ist denen sogar zu glauben. Unbedingt glaube ich aber Ines Pohl von der „taz” (im ARD-Presseclub vom 14.11.): „Wer wenig Geld hat, muss da überlegen, ob er zum Arzt geht.“ Eva Quadbeck von der „Rheinischen Post“ sagte in der Sendung: „Ärzte sind auch Kaufleute, machen das, was man abrechnen kann.“ Und berief sich auf Erfahrungen mit PKK. Die Runde ging davon aus, dass real nur rund 40 % der mit der Vorkasse verauslagten Gelder durch die Krankenkassen erstattet werden. Die Patienten werden auf Fehlbeträgen sitzen bleiben. „Man kann nur davor warnen.“ Aber der Ärztetag habe sich dafür ausgesprochen.

Die Ärzteschaft ist in der Beurteilung des Konzepts gespalten. Das hängt unbedingt mit der Patientenstruktur der Praxen zusammen. Fragen wir doch unsere Ärzte!

Übrigens: In den Niederlanden wurden Zuzahlungen für Medikamente Ende der 90er Jahre abgeschafft, es hatte sich herausgestellt, dass dadurch medizinisch notwendige Leistungen unterblieben, was dann höhere Folgekosten verursachte.

Kostenerstattung / Vorkasse ist nur eine Seite der nun mit der neuen Reform noch vertieften sozialen Spaltung bei der Gesundheitsvorsorge. Dazu gehören die Abkehr von der paritätischen Finanzierung der GKV, der Ausbau der Parallelität von GKV und PKV, der Begünstigung letzterer, die „Zeitbombe“ Zusatzbeiträge, die alle Kostensteigerungen im Gesundheitswesen auffangen und so unbegrenzt wachsen können und deren Brisanz nur die Versicherten trifft.

Pardon noch für die Überschrift:
Wo es zu wenig Ärzte gibt, stellt sich die Frage nach einer Übersorgung gar nicht.
Doch es gibt keinen wirklichen Ärztemangel in Deutschland.
„Für den Medizinermangel auf dem Land ist vor allem die ärztliche Selbstverwaltung verantwortlich“, wies DER SPIEGEL (15-2010) nach.

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