Monday, 20. November 2006, 16:07:43
Und wieder ist eine neue Serie geboren. Diese hält, was ihr Titel verspricht. Und doch etwas mehr: Hier werden Äußerungen aller hohen Tiere und derer, die sich dafür halten, niedergeschrieben, egal, ob sie nun aus der Politik oder der Wirtschaft kommen. Den Anfang macht Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Sprecher der SPD.
Er fordert in der
Netzeitung, über ein Verbot von «Killerspielen» «ernsthaft nachzudenken». Und er macht es ganz geschickt: Gleichzeitig warnt er vor Schnellschüssen.
Beides zusammen ergibt ein für Herrn Wiefelspütz sehr postives Gesamtkunstwerk: Auf der einen Seite bedient er die Massen (und wohl auch 95,7% der Bundestagsabgeordneten), die, getreu dem Motto der Inquisition, der Kirche sowie einiger Plattenfirmenbosse vor allem Angst haben, was sie weder kennen noch verstehen, und darin die Wurzel allen Übels der Welt sehen. Dazu gleich mehr. Auf der anderen Seite wendet er sich geschickt an diese nervige Minderheit derer, die tatsächlich nach Ursachen forschen wollen, und das auch noch außerhalb des Stammtischs.
Ich frage mich bei solchen Stammtischparolen immer, was denn eigentlich der Grund für diese Verlautbarungen ist. Inständig hoffe ich ja, dass kein hohes Tier glaubt, was es da zum Besten gibt – wobei mich einige Sätze dann doch verzweifeln lassen.
Oder ist es einfach nur das innere Verlangen von Politikern, in Zeiten der Not schützend ihre Hand über das Stimmvieh zu halten und Große Taten zur Beendigung der Not anzukündigen, selbstverständlich in bester Absicht? Nicht, dass diese Große Taten wirklich dazu dienten, die Probleme zu beseitigen. Aber sie verhelfen den Politikern dazu, sich gemütlich zurücklehnen zu können und sich selbst anerkennend auf die Schulter zu klopfen, in dem Wissen, etwas getan zu haben. In bester Abischt, wie schon gesagt. Und wenn dann die Probleme nicht nachlassen – tja, dann ist eben entweder das Schicksal, das Wetter oder eine andere ungeliebte Minderheit schuld, beispielsweise
die Raubkopierer... ups, ich sprach von Minderheit. Dabei
ist in Australien bald jeder Bürger ein potenzieller Raubmordkopierer.
Zurück zum aktuellen Fall: Da schießt also ein wildgewordener Schüler in einer Realschule um sich. Was ist der erste logische Gedankenschritt? Genau.
Er hat Killerspiele gespielt Er war ein
Einzeltäter. Hören Sie, Herr Wiefelspütz? Ein Einzeltäter. Von zig Millionen
potenziellen Amokläufern Spielern dieser sogenannten «Killerspiele» ein einziger. Eine ziemlich schlechte Quote, wenn man mich fragt. Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen dank fehlender Ausbildungsplätze oder ein schlechtes familiäres Umfeld dürften da effektiver sein.
Aber die Ursache ist natürlich keine der beiden Letztgenannten. Wenn dem so wäre, hätte ja die Politik sich etwas vorzuwerfen. Mit der «Killerspiel»-Keule kann man dagegen wesentlich besser die latente Xenophobie (bezogen auf alles Fremde) in der Bevölkerung für sich nutzen.
Dummerweise hat die Sache mehrere Haken:
- Die schon erwähnte schlechte Quote. Counterstrike spielen wohl zig Millionen Menschen weltweit. Und wer dieses Spiel als gewaltverherrlichend anprangert, der dürfte von auch häufig gespielten, weitaus brutaleren Spielen wie Postal 2 oder Gears of War eine weit höhere Quote erwarten. Tatsache ist aber, dass die Quote von Amokläufern / Counterstrike-Spieler so lächerlich gering ist, dass sie als alleinige Ursache für Amokläufe wenig taugt.
- Da Deutschland eines der (wenn nicht sogar das) strengsten Jugend«schutz»gesetze weltweit hat, dürfte es in den anderen Ländern weitaus brutaler zugehen. Aber von den europäischen Nachbarn ist nichts dergleichen zu hören. Seltsam eigentlich.
- Die völlige Vernachlässigung anderer Ursachen. Soziale Spannungen im Umfeld der Täter, Probleme in der Schule und/oder Perspektivlosigkeit sind viel mehr angetan, Amokläufe zu verursachen.
Letztendlich kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass Counterstrike vielleicht tatsächlich mit dazu beigetragen hat, die Hemmschwelle zu senken. Die alleinige Ursache kann es aber aus den oben genannten Punkten nicht sein. Andere Probleme werden eine viel größere Rolle spielen. Zumal generell Computerspieler nicht gerade als besonders brutal gelten.
Und abschließend ist das angestrebte Verbot geradezu lächerlich, genau so, wie Kopierschutzmechanismen lächerlich sind: Diejenigen, die als 14-jährige jetzt schon an die Ab-18-Spiele oder gar die indizierten Spiele kommen, werden das auch nach einem «Verbot» der Spiele schaffen.
Nur diejenigen, die sich nicht so gut mit der Materie auskennen, werden darunter zu leiden haben. Die soll das Gesetz aber gar nicht treffen.